Wegen der Führungskultur warad`s…

Zur Trainersuche der Austria.

Profifußball ist eine seltsame Branche. Über 60% des eingesetzten Kapitals werden für Personalkosten verwendet. Genauer gesagt für gut 2 Dutzend hochbezahlte Spezialisten, von deren Agieren in Ausnahmesituationen der unternehmerische Erfolg maßgeblich abhängt. In rationalen Branchen wäre diese Rahmenbedingung der Anlass zur intensiven Beschäftigung mit Führungs- und Organisationstheorie, Gruppendynamik und was inzwischen in jedem größeren Handwerksbetrieb sonst noch als Personalentwicklungs-Maßnahme üblich ist.

Leider ist Fußball jedoch hierzulande noch weiter von der unternehmerischen Moderne entfernt. Die Bestellung von Nenad Bjelica als Nachfolger von Peter Stöger war das beste Beispiel, dass eine Nichtbeachtung des Faktors Führungskultur zu nachhaltiger Verstörung führen kann.

Die fachliche Expertise von Bjelica war und ist unbestritten. Als Spieler hatte er jahrelange Profierfahrung in Deutschland und Spanien, als Trainer messbaren Erfolg beim FC Kärnten und beim Wolfsberger AC. Eben nicht nur was die Punkteanzahl betrifft, sondern zusätzlich war sowohl eine Spielkultur als auch ein System erkennbar.

Bjelica konnte internationale Expertise vorweisen, er kannte die Liga und war in dieser auch mit limitieren Ressourcen nachweislich in der Lage den Top Klubs Paroli zu bieten.

Was sollte da noch beim qualitativ besseren Kader und erprobt leistungsfähigem Kader der Austria schief gehen? Dass Bjelica den Ruf als harter Hund hatte, schien in der Situation des Sommers/ Herbstes 2013 sogar passend zu sein, da es nun galt keinen Schlendrian einreißen zu lassen und die Mannschaft auf die CL Qualifikation einzuschwören. Die Schlüsselspieler der Mannschaft wurden gehalten, und der Kader wurde nominell verstärkt. Alles schien angerichtet für eine Fortsetzung des Erfolgskurses in violett.

Stöger-Schmid das Sinnvermittlungsduo

Die Mannschaft, welche Stöger /Schmid hinterließen, hatte allen Grund selbstbewusst zu sein. Den Meistertitel gegen das stärkste Red Bull Team seit der Gründung errungen und den Punkterekord erreicht. Peter Stöger legte seinen Führungsstil in einem Interview im Juni 2013 offen. Gemeinsam mit Manfred Schmid wurde sehr viel auf Sinnvermittlung, Eigenverantwortung und auch eine gewisse Selbstorganisation der Spieler gelegt. Anweisungen und Entscheidungen wurden nicht nur kommuniziert, sondern auch das „Warum“, der konkrete Nutzen für Mannschaft und den einzelnen Spieler wurden erklärt. Dies resultierte aus der nüchternen Einschätzung heraus, dass das Verhältnis Mannschaft Trainer eine Zweckgemeinschaft für den gemeinsamen Erfolg ist. Die Spieler werden diesem Modell nicht als Schützlinge, sondern als erwachsene Partner betrachtet. Ein gewisses Eigenleben und selbstgeschaffene Strukturen innerhalb der Mannschaft waren erwünscht, sofern diese nicht mit den vereinbarten Zielen kollidieren. Die emotionale Stabilität der Gruppe und die Organisation auf dem Platz waren die zentralen Faktoren für die überragende Meistersaison.
Als langjähriger Spieler der Austria, war Stöger auch das komplizierte Umfeld der Austria bewusst. Eine heterogene Anhängerschaft, ein zur Hysterie neigender VIP Club, eine Fanszene mit einer einzigartigen Fähigkeit dem Verein ans Bein zu pinkeln und sich gleichzeitig selbst ins Knie zu schießen. Auch diese „Mitspieler“ wurden von Stöger sehr geschickt miteinbezogen und brachten somit auch in sportlich schwierigeren Phasen keine zusätzliche Unruhe ein.

Bjelica der emotionale Patriarch

Nenad Bjelica war ein Arbeiten in einem anderen Umfeld gewohnt, hatte aber um nichts weniger Grund selbstbewusst zu sein, als die violetten Meisterkicker. Er führte den Wolfsberger AC aus den Niederungen der Regionalliga schnurstracks in die höchste Spielklasse. Erreichen konnte er dies mit klaren und überschaubaren Strukturen und Kommunikationsketten. Sein einziger relevanter Ansprechpartner welchen es zu überzeugen galt, war der Vereinspräsident. Da dieser absolutes Vertrauen in ihn hatte, war es Bjelica möglich eine Mannschaft zu formen, welche nach seinen Vorstellungen funktionierte. Bjelicas Führungsstil kann man wohl am besten mit der eines „emotionalen Patriarchen“ beschreiben. Vereinbarungen fußen auf persönliche Loyalität und Respekt zur Führungskraft: das Schlüsselwort der Beziehung heißt „Vertrauen“ Mitarbeiter welches das Vertrauen eines solchen Trainers genießen, werden ihn als generöse Vaterfigur erleben dürfen, welcher sich für seine Leute aufreibt, Spieler, welche das Vertrauen der Führungskraft enttäuscht haben, haben mit Sanktionen zu rechnen. Große Rechtfertigungen für Entscheidungen sind in so einem System weder vorgesehen noch notwendig. Die strukturelle Autorität des Trainers ist Legitimation genug. Zwischenrufe aus dem Umfeld des Vereins werden als Einmischung von fachlich Ahnungslosen betrachtet. Diese Sichtweise mag formal korrekt sein, ist jedoch im violetten Flohzirkus politisch fatal.

„Du vertraust mir nicht!!!“- Kulturkampf galore

Treffen nun diese beiden Kulturen aufeinander sind Brösel vorprogrammiert. Es handelt sich hier nicht um einen Konflikt „richtig vs. falsch“, „gut vs. böse“ sondern um ein Aufeinandertreffen komplett divergierender Wahrnehmungen. In Konflikten werden gleiche Begriffe verwendet, jedoch haben diese komplett unterschiedliche Bedeutungen. Fordern etwa die Spieler „Vertrauen“ ein, erwarten sie Entscheidungskompetenz und Eigenverantwortung von ihrer Führungskraft. Fordert der Trainer „Vertrauen“ ein, erwartet er Loyalität und Unterordnung. Als einzige Gemeinsamkeit bleibt die Kränkung, dass sich das jeweilige Gegenüber nicht an die vermeintliche Vereinbarung hält, dass „Vertrauen“ sehr, sehr wichtig ist.

Als in der Winterpause ersichtlich war, dass die Gräben zwischen Mannschaft und Trainerteam unendlich tief waren, griff die Vereinsführung ein.
Bjelica wurde Kommunikationscaching für Presstermine verordnet, um kommunikative Supergaue wie nach der Derbyniederlage im Herbst zu vermeiden. Zusätzlich wurde der, fälschlicherweise oft als „Mentaltrainer“ bezeichnete, Personalentwickler Werner Zöchling reaktiviert, mit welchem Peter Stöger in der Vorsaison erfolgreich zusammenarbeitete.

Das Problem an diesen gutgemeinten Bestrebungen: Sie bringen nur etwas, wenn sie eingebettet in die Führungskultur sind. Als aufgesetzte Maßnahmen, welche dem Trainerteam angeordnet werden, um offensichtliche Defizite zu korrigieren sind sie komplett sinnlos. Im besten Fall ändert sich nix, normalerweise verschlimmert sich sogar die Situation, da diese vermeintliche Unterstützung von der Führungskraft als entmündigende Zwangsmaßnahme empfunden wird.

Her mit der Moderne!

In der aktuellen Diskussion über den neuen Trainer werden als Kriterien v.a. die Kategorien „Ergebnisse“, „erreichte Erfolge“ und „Spielsystem“ bemüht. Ich halte diese Fixierung auf die fachliche Komponente bei einer der wichtigsten Führungspositionen, welche der Verein hat, für verkürzt und gefährlich. Es ist kein Zufall, dass die Austria sportlich den größten Aufschwung nahm, als wir mit Peter Stöger einen Trainer hatten, der die Rolle „Führungskraft“ am modernsten interpretierte. Die Austria ist ein durch und durch komplizierter Verein, bei der jede Expertise ohne kommunikative Fähigkeiten verpufft. Anders formuliert: weder der von schlicht-autoritären Gemütern herbeigesehnte Peitschenknaller, noch der von Taktik Blogs hochgeschätzte Systemcoach-Nerd werden bei uns Erfolg haben.

So bitter das Ende dieser Saison war: Falls die Austria als Verein des 21. Jahrhunderts entsprechende Schlüsse für ihre Führungskultur und entsprechende Personalauswahl zieht, könnte die Saison 2013 /14 nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch lohnend gewesen sein.

tibor

Über tibor

heiter, lebhaft, leichtsinnig & fortgeschrittenen Alters auf der Nord verweilend. Freund des gepflegten Rückpasses. Liebhaber der globalen Fußballkultur. Findet , dass Fußball mit netten & gescheiten Menschen mehr Spaß macht. Warum Austria Wien? Hatte das Privileg unter Prohaska, Nylasi , Polster & Co aufzuwachsen.( Kinder lieben Kantersiege der eigenen Mannschaft.) Bzgl. Verein gab es nie eine Wahl, da aus gutem violetten Haus. Wurde erzogen nach dem Grundsatz „Gewisse Entscheidungen sind zu wichtig, um sie den Kinder zu überlassen!“ und wendet diese Erkenntnis nun auch beim eigenen Nachwuchs an.

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