Was einer Austria würdig ist?

Nun, wie wäre es mit Realismus?

 

Betrachten wir mal die Lage nüchtern:
Der Saisonstart war holprig und mies. Punkt.

2 Heim x-eln gegen den Angstgegner der Vorsaison und den Aufsteiger. Eine Watsche gegen den sich in bemerkenswerter Frühform befindlichen WAC, nachdem man ab der 6. Minute zu 10. gespielt hat.
Holprig die Spielweise, nur schemenhaft erkennbar das System, mühsam die allwöchentlichen Phrasen welche Besserungen geloben.
Nüchtern betrachtet: zach, unbefriedigend, die obligatorische Anfangseuphorie einer Saison abwürgend.
Aber rein faktisch keine Katastrophe. Es ist ja nicht ungewöhnlich und überraschend, wenn ein neuer Trainer kommt, welcher versucht, ein neues Spielsystem zu implementieren, die Mannschaft versucht umzuformatieren. Jeder der schon mal Veränderungsprozesse in Unternehmen / Teams durchlebt hat, weiß wie turbulent und unbefriedigend diese am Anfang verlaufen können.

Alle so: KRIIIIIISE!

Neben dem Geheule in der virtuellen Welt, den medialen Krisenkolumnen, den gellenden Pfiffen bei Spielende dürfen natürlich auch die Proteste von einzelnen Fangruppen nicht fehlen.
Wie halt bei der Wiener Austria üblich: der Versuch die Rituale der Vorbilder  aus der großen weiten Ultra-Welt Serbiens, Italiens und Hütteldorfs zu importieren, endet als Farce: 30 Mann hoch kommen teilweise vermummt zum Plausch um der Mannschaft ein Ultimatum zu stellen doch endlich Herzblut und Einsatz zu zeigen. Natürlich in positiver Atmosphäre und um zu motivieren. Aufstellungstipps und Belehrungen über den Lebensstil inklusive. (Da klingt nach einer sinnvollen Strategie. Die muss ich mir doch glatt für meinen nächsten Behördenweg merken.)

Betrachtet man also den Saisonsauftakt isoliert und setzt man die Reaktionen ins Verhältnis dann könnte man also meinen, dass wir es nur mit einer weiteren Episode violetten Hysterie zu tun haben.
Das Problem ist jedoch, dass der Saisonauftakt nur eine Fortsetzung einer harten fußballerischen Entziehungskur bedeutet. Seit Monaten sieht man schlechten Fußball mit mäßigen Ergebnissen. Aus der Perspektive von  normalen Fußballfans eine Ewigkeit, als Veilchen „kracht“ man in so einer Situation wie ein Junkie. Baumgartner zahlt nun aktuell die Zeche, nicht nur für sein Agieren, sondern auch für das seiner Vorgänger.
Erschwerend in der Situation ist die weitverbreitete Ansicht, dass doch die Lösung auf der Hand liege.

Wir wollen Herz! Wir wollen Wille!

Dabei war doch das Spiel gegen Altach war der beste Beweis, dass es aktuell an vielem fehlt, nur nicht am „Willen und Herz“  mangelt. Die  ersten 30 Minuten losgestartet als würde man den Gegner fressen wollen, jedoch verpuffte die Bemühungen aufgrund von individuellen Fehlern und fehlender Genauigkeit,
Altach machte in der Pause 1-2 einfache taktische Änderungen, der Spielfluss kam zu Erliegen, der Krampf war körperlich spürbar, die Ungeduld der Tribünen entlud sich und fertig war der Hundskick in einer frustrierten Atmosphäre.

„einer Austria würdig!“ = die violette Autosuggestion als Krisen-Verschärfung

Seit dem Meistertitel und der CL lebt die „violette Family“ einen kollektiven Selbstbetrug  Die Saison 2013/14 wurde nicht als Ausnahme gesehen, als das Ergebnis meisterlicher Arbeit, des Ausnützen eines Momentums, sondern als überfällige Ernte von dem, was uns Veilchen naturgegeben zusteht: spektakulärer & erfolgreicher Fußball.

Alles andere ist ab nun unwürdig und unter unserem Niveau.

Wird dieses Niveau unterschritten und das wird dieses vorprogrammierte und logische Ziel verfehlt, kann das nur finstere Ursachen haben.
Wichtig ist es auf jeden Fall, dass es Schuldige gibt. Verwöhnte Spieler, an deren Herz  und Verpflichtung appelliert werden muss, die die Autorität des Trainer unterlaufen, der aber eh unfähig und überfordert ist.
Auf jeden Fall bedarf es nur einiger kleine personeller Änderungen, ein mehr an Anstrengung und – ganz wichtig – Willen, dann rennt das Werkel wieder.
Fix wird nämlich davon ausgegangen, dass der „wahre“ Charakter, die „eigentliche „Fähigkeit“ der Mannschaft so gut ist, dass ein herscheiberln des Gegners auf nationalem Niveau die wöchentliche Norm ist
Eben das „wahre Gesicht“, die „Art von Fußball“, welchen „unseren Farben“, welcher „einer Austria würdig“ sei.

Back to life, back to reality

Vielleicht ist es jetzt höchste Zeit diese Spielchen aus Selbstüberschätzung und Enttäuschung zu beenden und sich folgende Fragen zu stellen: „Was ist, wenn die Mannschaft, der Verein gar nicht so super sind wie wir es alle gern hätten?“ Was ist, wenn die Tatsache, dass wir die große Wiener Austria sind, 2014 mal herzlich wenig bedeutet?

Jede Bundesligamannschaft in Österreich besteht aus solide ausgebildeten Profikickern, welche hart trainieren und den Ehrgeiz / das materielle Interesse haben, möglichst viele Spiele zu gewinnen.
Ja, die Austria kann sich den ein bisserl besseren Kader leisten. Aber halt nur ein bisserl besser. Spieler, welche mit ihrer Stärke einen Klasseunterschied garantieren können, sind für Klubs mit betriebswirtschaftlicher Basis, nicht mehr leistbar.
Trifft nun der ein bisserl bessere Kader auf einen gut organisierten Gegner ist diese Vorteil schnell weg. Hat dieser Gegner gerade einen Lauf wie der WAC, kann es sogar unangenehm werden.

Ja, es muss unser Anspruch sein in dieser Liga vorne mitzuspielen, aber um dies zu erreichen bedarf es stetiger Anstrengung und vieler kleiner Rädchen die greifen müssen. (Titel? Nun, solange Red Bull weiterhin so viel Geld in seine Salzburg Soccer Franchise reinbuttert, bedarf es für Titel einer herausragenden Performance UND Glück.)

Man muss es nicht dem Stadtrivalen gleich machen, welcher sich mit dem „Schlagwort „Umbruchssaison in den letzten Jahren geschickt aus der Affäre gezogen hat und so bei seiner Anhängerschaft auch Geduld bei zähen Phasen bewirkte.
Es würde ja schon reichen die nüchterne Realität vereinsintern (=von der Osttribüne bis zum Aufsichtsrat) zu akzeptieren und diese zu kommunizieren.

Austria Wien, ist kein idealistisches Wunschbild, Austria Wien sollte ein nur gut geführter Fußballverein sein, der sein Handeln nicht an Träumereien ausrichtet, sondern professionell im Rahmen der Gegebenheiten agiert.

  • Einer Austria würdig wäre es, nicht  selbstverliebte Wunschbilder zu projizieren und bei Nichterfüllung dieser hysterisch zu Schmollen.
  • Einer Austria würdig, wäre zu kapieren, dass moderner Fußball ein komplexes Projekt ist, bei dem viele Kleinigkeiten über lange Zeit bearbeitet gehören, bis Verbesserungen wirksam werden.
  • Einer Austria würdig wäre es zu akzeptieren, dass Leistungsdellen und Tiefs zur Teamentwicklung gehören.
  • Einer „Austria würdig“ wäre es die hochbezahlten Spezialisten, mal in Ruhe arbeiten zu lassen und eine realistische Zeitspanne für Verbesserungen anzuberaumen.

Ob wir damit in Bälde wider besseren Fußball sehen ist nicht garantiert, realistischer und weniger neurotisch als die aktuellen Rituale ist es allemal.

 

tibor

Über tibor

heiter, lebhaft, leichtsinnig & fortgeschrittenen Alters auf der Nord verweilend. Freund des gepflegten Rückpasses. Liebhaber der globalen Fußballkultur. Findet , dass Fußball mit netten & gescheiten Menschen mehr Spaß macht. Warum Austria Wien? Hatte das Privileg unter Prohaska, Nylasi , Polster & Co aufzuwachsen.( Kinder lieben Kantersiege der eigenen Mannschaft.) Bzgl. Verein gab es nie eine Wahl, da aus gutem violetten Haus. Wurde erzogen nach dem Grundsatz „Gewisse Entscheidungen sind zu wichtig, um sie den Kinder zu überlassen!“ und wendet diese Erkenntnis nun auch beim eigenen Nachwuchs an.