Mach’s gut, Alex!

Das Schöne am Fußball für uns Fans ist ja, dass er von Emotionen geprägt ist. Damit geht natürlich per Definition eine schöne Portion Irrationalität einher. Und so ist es vielleicht zu erklären, dass ein Auswärtssieg in Ried, der mit 5:0 nicht nur augenscheinlich deutlich ausfällt, sondern auch den dritten Endrang in der Liga fixiert (EUROPA, WIR KOMMEN!), tatsächlich durch einen einfachen Satz getrübt werden kann: „Ich werde die Austria verlassen.“

Alexander Gorgon wird den FK Austria Wien verlassen und fortan sein Glück anderswo suchen. Beim letzten Heimspiel im alten Horr-Stadion gegen den SK Sturm wurde er – gemeinsam mit drei weiteren Abgängern (Koch, Meilinger, Sikov) – vom Verein verabschiedet. Damit geht eine Ära zu Ende, die, ganz austriatypisch, von Höhen, aber auch von Tiefen geprägt wurde.

Die „Hard Facts“

Alexander Gorgon spielte bisher bei keinem anderen Verein, als der Wiener Austria. 2007 kam er erstmals bei den Amateuren zum Einsatz, ehe er 2010 in den Profikader eingegliedert wurde. Seit der Saison 2010/2011 kam er in 6 aufeinanderfolgenden Saisonen zum Einsatz, erzielte in bisher 161 Pflichtspielen 52 Tore für die Veilchen, davon elf Mal im Doppelpack. Nun ist Gorgon, bis auf eine kurze Zeitspanne unter Baumgartner, nie wirklich als Stürmer zum Einsatz gekommen, weswegen die Torquote mehr als beachtlich ist.

Gorgon erlebte sämtliche Berg- und Talfahrten. Er wurde 2013 Meister mit der Austria, verpasste aber andrerseits in zwei Cupendspielen die Möglichkeit sein Titelkonto weiter in die Höhe zu schrauben. Am 17. August 2013 verletzte er sich im Bundesligaspiel gegen Wr. Neustadt, womit er nicht nur die entscheidenden Play-Off-Spiele gegen Dinamo Zagreb verpasste, sondern auch in der Gruppenphase der Champions League nur Zaungast war – ein bitterer Umstand, den er mit Alexander Grünwald teilt, der sich kurz vor Beginn der Gruppenphase im Training seinen dritten Kreuzbandriss zugezogen hatte.

Glücklicherweise stand (z.B.) mit Thomas Murg ein auf allen Ebenen absolut würdiger und adäquater Ersatz zur Verfügung…

Was ich an Alexander Gorgon stets schätzte

Ganz banal gesagt: Er ist ein Spieler, der mit dem Ball per du ist, der über ein gewisses Maß an Technik und Torgefahr verfügt und der – darüber wird so manch einer den Kopf schütteln – für mein Dafürhalten im Rahmen seiner Möglichkeiten auch im Sinne der Mannschaft nach hinten sehr brav gearbeitet hat. Fußballerisch sind auch seine brauchbaren Standards und seine Kopfballstärke zu erwähnen, auch wenn er mittlerweile nicht mehr Standardschütze Nummer eins gewesen ist (wenn man von Elfmetern in der Saison 15/16 absieht).

Der Fußballer Gorgon ist für mich über jeden Verdacht erhaben, ein Profi zu sein, der im Grunde stets alles zu geben bereit war. Völlig deplatziert und fernab jeder Belegbarkeit erschienen mir die Unkenrufe, wonach der Kopf schon seit längerer Zeit im Ausland gewesen sein soll.

Fußballerisch war Gorgon unter allen Trainern gesetzt – Daxbacher, Vastic, Stöger, Bjelica, Gager, Baumgartner, Ogris, Fink. Alleine die Auflistung von Cheftrainern, unter denen Gorgon gedient hat, lassen Höhepunkte (Stöger, Bjelica – Meisterschaft und Champions League-Teilnahme) und absolute Tiefpunkte erahnen (verlorene Cupfinals unter Stöger und Ogris, Grottenfußball unter Vastic und Baumgartner, verpasste Saisonziele – Vastic, Gager, Baumgartner/Ogris). Geglänzt hat er nicht immer, der Führungsspieler der zu sein er hätte sein sollen, war er möglicherweise(!) auch nicht immer.

Aber: Er war stets ein würdiger Repräsentant des FK Austria Wien. Zwar war er nie „Einserkapitän“, aber der Umstand, dass er in seinem vielleicht letzten Spiel für die Veilchen die Mannschaft als Spielführer aufs Feld brachte, war zwar möglicherweise zufällig, in jedem Fall aber sinnbildlich.

Den Menschen Alexander Gorgon zu bewerten fällt mir schwerer, weil ich ihn – von einem Fanabend abgesehen – nicht persönlich kenne. Aber in Interviews und bei besagtem Abend im Rahmen eines Fantreffs hatte ich stets das Gefühl einem intelligenten, selbstbewussten und realistisch denkenden Menschen zuhören zu dürfen. Selbst bei Interviews in jüngster Vergangenheit, die nicht von allen Anhängerinnen und Anhängern der Austria positiv und wohlwollend aufgenommen wurden, vermochte ich kaum einen Kritikpunkt anzubringen. Fußballer sind mündige Menschen, die auch offen und ehrlich Dinge ansprechen dürfen, ohne dass der Wunsch Überhand nehmen sollte sie vom Hof zu verjagen.

Der Nikolauseffekt besagt, dass zuletzt erbrachte Leistungen besonders in Erinnerung bleiben. Insofern erscheint es wenig verwunderlich, dass ich nach der fulminanten Ausbeute Gorgons nach der heurigen Saison besonders wehmütig bin. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Fußstapfen, die Gorgon im Verein hinterlässt, nicht von einem x-beliebigen Kicker ausgefüllt werden können.

In 19 Pflichtspielen der heurigen Saison konnte sich Gorgon entweder über ein Tor oder einen Assist freuen, oder beides. Fünf Mal traf der ‚Pistolero‘ in der abgelaufenen Saison im Doppelpack. 21 Tore erzielte er, davon 19 in der Liga. Bei jedem zweiten Sieg hatte Gorgon, statistisch gesehen, beim sogenannten „Game-winning-goal“ seine Beine (mitunter war es der Kopf) im Spiel. Zusätzlich zu den Toren, konnte er sechs Assists verbuchen. Zusammen mit jener von Larry Kayode und Alexander Grünwald war seine Offensivpower ein entscheidender Baustein für das Erreichen des Saisonziels (Das Trio verbucht 59 Scorerpunkte in der Liga – bei 65 erzielten Treffern!)

Was mir in Erinnerung bleiben wird

Alexander Gorgon ist in etwa so alt wie ich. Er gehört zur ersten Generation jener Spieler, deren Werdegang ich von den Amateuren bis ganz oben verfolgt habe. Vielleicht spielt das mit, wenn ich mich mit ihm mehr identifizieren kann, als mit anderen Spielern. In Erinnerung bleiben wird mir ein Spieler, der im Vollsprint dem Ball nachjagt, der hervorragende Bälle schlägt und der auch schon mal die Vorstädter mit einem Doppelpack im Alleingang aus unserer Festung ballert. Ein Spieler, der im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft nach drei Minuten die Frucht in die Maschen setzt und so alle Weichen Richtung Titel stellt, und der in der selben Partie, als wirklich schon alles klar ist, einen Freistoß aus gefühlt 30 Metern per Direktschuss im Kreuzeck versenkt.

Es sind aber auch viel banalere Szenen die mir in Erinnerung bleiben. Bei einem der letzten Auftritte, als ein Abgang schon als sehr wahrscheinlich galt, dachte ich mir bei einer Szene welch unglaubliche Freude es mir bereitet dem Gogo beim Kicken zuzusehen. Ich meine es handelte sich um eine Weiterleitung des Balles mit der Ferse. Es gibt Spieler, die mich mit Art mitunter zur Weißglut bringen. Ihre Art wirkt irgendwie lässig oder aufreizend. Beim Alex verspürte ich solche Emotionen nur in den seltensten Fällen. Was mich besonders freut, ist der Umstand, dass er in den letzten Partien seine Qualität unter Beweis stellen konnte und es seinen Kritikern noch mal gezeigt hat. Unterm Strich, ist er von der Persönlichkeit und von der fußballerischen Spielweise jemand, den ich mir bei der Austria wünsche. Eine Rückkehr zur Austria nach absolvierter Auslandskarriere – wenn es nach mir geht, ohne zu zögern und jederzeit.

Bis es soweit ist, möglicherweise ist es nie mehr der Fall und Gorgons letzter Auftritt für Violett wurde in Rot absolviert, fließt allerdings noch einiges an Wasser die Donau hinunter. Völlig egal, Gogo. Einmal Veilchen, immer Veilchen!

Alex, ich wünsche dir für deine berufliche Zukunft (privat sowieso) alles erdenklich Gute, dass all deine Pläne, Hoffnungen und Wünsche sich erfüllen mögen und dass du deine sportlichen Ziele, egal in welcher Liga, egal bei welchem Verein, erreichen mögest.

 

Hinweis: Original des Beitragsbildes von fk-austria.at

Mi.Re.

Über Mi.Re.

Floridsdorfer seit 1989, Zivildienst und Studium hinter sich gebracht. Erfreut sich an Sportveranstaltungen im TV und live vor Ort. Steht auf österreichische Musik. Familien- und Freundschaftsmensch, mittlerweile überzeugter Nordtribünler. Fußball ist weder Lebensinhalt noch Raketenwissenschaft, aber immerhin ein netter Zeitvertreib. Austrianer in dritter Generation. Verliebt in den daxbacher’schen Kurzpass- und Offensivkick. Erwartet von seinen Veilchen schön anzusehendes Fußballspiel und Spielfreude. Will eher keine Zehnkämpfer in Violett geigen sehen. Sympathien auch für das Nationalteam und den Floridsdorfer AC vorhanden.