Lob der Demut

Drei von vier Derbys verloren, wovon zwei mit einer „Klatsche“ endeten. Platz drei und damit das Erreichen der Europacup-Ränge in akuter Gefahr. Gelingt im Cup keine Sensation blüht der Austria ein weiteres Jahr ohne europäischen Vereinsbewerb. – Warum die Fans der Violetten sich auf magere Jahre einstellen sollten.

Zugegeben, ich bin ein fußballerischer Pessimist. Selbst bei einer 2:0 Führung feiere ich den Sieg erst, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Geht meine Mannschaft in Führung, bereite ich mich geistig schon auf den Ausgleichstreffer vor. Jetzt schreibe ich diese Zeilen eine Stunde nach einer Derbyniederlage.

Was aber mehr schmerzt, sind zwei Saisonen ohne Europacup.

Europacup-Quali? Eine Notwendigkeit!

In die Qualifikation für einen von der UEFA veranstalteten internationalen Bewerb zu kommen, ist für uns, überwiegend vom schönen und ästhetisch ansprechenden Spiel träumende Fans, ein selbstverständlicher Anspruch. Doch nicht nur für die AnhängerInnenschaft ist das Erreichen des heurigen Saisonziels enorm wichtig.

Ein Verein wie der FK Austria ist auf die Einnahmen, den Prestigegewinn und die Attraktivität der Europaleague angewiesen.

Fans verzeihen schwächere Leistungen in der Liga nach schweren EC-Partien. Zusätzlich lassen sich durch Siege auf der internationalen Bühne neue SympathisantInnen gewinnen und Sponsoren bei Laune halten. Neben der monetären Komponente ist die Perspektive sich bei starken ausländischen Vereinen zu präsentieren, ein wesentlicher Faktor bei der Anwerbung junger, talentierter Spieler.

Alle diese Notwendigkeiten könnten wir AustrianerInnen in der diesjährigen Saison zum dritten Mal in Folge verpassen.

In Europa nicht vorhanden und national abgemeldet?

Der Verein würde damit endgültig die Setzung für zukünftige Europacup-Kampagnen verspielen und auch national einen Schritt in die zweite Reihe vollziehen.

Die sportlichen und finanziellen Möglichkeiten der Marketingabteilung eines Getränkevermarkters aus Fuschl sind für alle anderen österreichischen Bundesligisten, selbst bei optimalen Ergebnissen, nicht erreichbar. Konzentrieren wir uns daher auf die drei übrigen Vereine der „Big Four“.

Rapid hat unter Präsident Krammer mit dem Stadionneubau ein beträchtliches, aber wohl notwendiges, finanzielles Risiko in Kauf genommen um den Klub zukunftssicher zu machen. Auch aufgrund der Schwäche der nationalen Konkurrenz ist die regelmäßige Qualifikation für die Europaleague Gruppenphase nicht in Gefahr. Die Kombination aus neuer Heimstätte, ansprechendem Spiel, leicht zu begeisternden Fans (die auch in Scharen in die Stadien kommen) und einer äußerst freundlichen Berichterstattung in den heimischen Medien kann den SCR in den nächsten fünf bis zehn Jahren zur unbestrittenen Nummer zwei im österreichischen Fußball machen.

Bleiben noch der SK Sturm und Austria Wien, die nach ihren Meistertiteln beide in eine tiefe sportliche Krise stürzten. Den Grazern gelang zwar nach 2011 noch einmal die Teilnahme an der Europaleague-Qualifikation, dort hatte man aber nichts auszurichten und hinkt den eigenen Ansprüchen auch in der Bundesliga hinterher. Das Stadion in Liebenau wird mit Hilfe der Stadt Graz modernisiert und damit zumindest internationale Standards erfüllt. Die noch immer recht zahlreich erscheinenden Fans sind hingegen mit dem Management unzufrieden und fordern schon länger neue Gesichter an der Vereinsspitze. In der Saison 2016/2017 wird mit Günter Kreissl ein neuer Sportdirektor sein Amt antreten. Es bleibt abzuwarten, ob er die Schwarz-Weißen zu neuen Erfolgen führen kann.

Im Falle einer weiteren EC-losen Saison würde sich die Austria in Zukunft wohl mit Sturm, Überraschungsteams wie der Admira und den Aufsteigern um die Plätze drei bis fünf matchen.

Perpektive – 90er Jahre reloaded?

Die erfahrenen Veilchen werden sich noch erinnern können. Die Neunziger Jahre. Ok, zu Beginn des Jahrzehnts feierte man noch tolle Erfolge, über den Rest kann man als AustrianerIn aber getrost den Mantel des Schweigens breiten.

altewest

© Fritz Duras

In der Zeit von 1996 bis 1998 hatte ich manchmal den Eindruck es gäbe in ganz Österreich noch 3000-4000 AnhängerInnen der Austria. Dazu kam eine stolze Serie von vier Jahren ohne Derbysieg. Ein 0:0 wurde damals schon als Erfolg gefeiert. Jede Saison übte man sich wieder in Zweckoptimismus und hoffte auf eine ansehnliche Spielweise, Siege über Rapid und SV Austria Salzburg sowie eine Zukunftsperspektive für den Verein. Fast jede Spielzeit brachte neue Enttäuschungen und auch gewöhnungsbedürftige Trainer und Spieler.

Die zweite Hälfte der 1990er Jahre war eine angewandte Lektion in „Torbergismus“ und mein „Austrianer ist, wer es trotzdem bleibt.“-T-Shirt aus dieser Zeit hat einen Sonderplatz in meinem Kleiderschrank.

Durch beständiges Verpassen der EL Qualifikationsplätze, Platzierungen im Niemandsland der Tabelle und einen Hinauswurf oder freiwilligen Abgang von Trainer Fink drohen „90er Jahre reloaded“.
Ein enger Budgetrahmen, wenig Perspektive für aufstrebende Kicker und ein unruhiges Umfeld könnten fußballerisch magere Jahre in den Weiten des Praterstadions zur Folge haben.

Im Falle sportlicher Erfolglosigkeit bietet die Austria wenig Alternativprogramm. 90-minütigen Dauersupport, der unabhängig von Spielstand und -weise das Stadion unterhält, wird man bei den Veilchen nicht finden. Ebenso wenig eine bunte, alternative und „Hipster taugliche“ Fußballsubkultur wie beim First Vienna FC und dem WSK(C).

Bleibt die Hoffnung auf unbekannte Eigenbauspieler und anderswo gescheiterte Talente, die die Sympathie wecken und im besten Fall den Ansprüchen einer „Austria“-gerechten Spielweise genügen.

Demut üben!

Sollten Europacup und titellose Jahre auf uns zukommen, kann man auf die Erfahrungen der 1990er Jahre bauen, seine Treue zum Verein ausleben und auf die Renaissance der Spielkultur hoffen.

Wenn alles ganz anders kommt, der Verein in den nächsten Saisonen floriert und gedeiht, oder nach mageren Jahren wieder an frühere Erfolge anschließen kann, ja dann kann jeder Austrianer und jede Austrianerin das gelernte umsetzen, Erfolg nicht für selbstverständlich erachten und hart an weiteren Erfolgen arbeiten.

„Ein Austria Anhänger ist man, wen man es trotzdem bleibt.“ – Friedrich Torberg

(siehe auch den interessanten Artikel „Friedrich Torberg und der Fußball“ von Thomas Handschuh auf suite101.de)

 

Hinweis: Original des Beitragsbildes von kurier.at