Komfortzonen

­Macht es euch komfortabel!

Es ist ein Mantra des derzeitigen Cheftrainers. „Wir müssen die Spieler aus ihrer Komfortzone holen“, sagte Gerald Baumgartner schon vor Wochen im persönlichen Gespräch. „Einige waren augenscheinlich nicht bereit, ihre Komfortzone zu verlassen“, sagte er nach dem 0:2 gegen den WAC der Kronen Zeitung. Daraus lässt sich mehr ableiten, als ihm lieb ist.

Gewollt oder nicht: Baumgartner reproduziert das unrühmliche Bild einer satten, selbstzufriedenen Mannschaft. Nach Titel und Champions League scheint das „Tagesgeschäft“ in der Liga nur lästige Pflicht – ein Arbeitsethos, der schon seinem Vorvorgänger mutmaßlich schlaflose Nächte bereitet hat.

Natürlich hatte Nenad Bjelica vor gut einem Jahr nach einem schwachen 0:1 im Derby andere, weniger blumige Worte gewählt. Von einem Köpferollen war die Rede, mit den „Willigen“ wollte er untergehen.

Bjelica trainierte die Austria noch 16 Wochen.

In dieser Zeit wurde in Porto remisiert und Zenit St. Petersburg aus dem Prater geschossen. Doch abseits der großen Bühne zeigte die Mannschaft ihr hässliches Gesicht. Eine Niederlage in Grödig, ein Debakel in Salzburg und eine Klatsche im Frühjahrsderby ließen Bjelica mit dem schlechtesten Punkteschnitt seit 16 Jahren aus dem Amt scheiden. Eine Tiefschlag für den ehrgeizigen Jungtrainer, doch auch ein Armutszeugnis für die Meistermannschaft. Beide hatten verlernt, mit Niederlagen umzugehen.

Gerald Baumgartners Kommentar zur derzeitigen Performance lassen vermuten, dass dieses Problem selbst ein Jahr später noch nicht beseitigt ist. Doch ist das realistisch? Die „Stars“ der Meistermannschaft sind weg (Jun, Hosiner), verletzt (Gorgon) oder Wackelkandidaten (Mader, Ortlechner, Kienast). Neu sind Spieler wie Meilinger, Sikov, Larsen, allesamt über dem Ligadurchschnitt, ein Ausnahmekönner (Damari) und eine motivierte „zweite Reihe“ (Kamara, De Paula). Was könnte ein derart verändertes Team dazu bewegen, sich zurückzulehnen?

Dieser zweite Punkt ist es, der mehr Gedanken provoziert. Baumgartner hat des öfteren beklagt, die Spieler würden Peter Stöger nachtrauern. Die Komfortzone wäre hier nicht Sättigung, sondern Nostalgie.

 

Es steht einem neuen Trainer zu, hier neue Realitäten zu schaffen. Doch er tut nicht gut daran, die Vergangenheit zu unterschätzen.

Man darf getrost annehmen, dass die Saison 2013/14 gruppendynamisch eine Katastrophe war. Spieler, Trainer und Führungsetage sind daran gescheitert, Rückschläge hinzunehmen und zu verarbeiten. Daneben sahen wir am Ende der Saison ein ungeschliffenes, vielleicht auch überfordertes Team, das innerhalb eines Jahres gar nichts mehr verkörperte: nicht mehr das Stögersche Taktieren, nicht Bjelicas Underdog-Strategien und auch nicht die kurzzeitige Basel-Kopie Herbert Gagers. In keiner Phase der Saison konnte die Mannschaft zur Ruhe kommen, Routine und Sicherheit entwickeln.

Diese Werte sind aber entscheidend dafür, dass eine Komfortzone überhaupt erst bestehen kann. Sie ist ein Rückzugsgebiet; der innerste Teil eines mehrstufigen Modells. Sie muss verlassen werden, um die „Wachstumszone“ zu erreichen, um zu lernen. Das setzt Risikobereitschaft und Überwindung voraus, wird aber im Idealfall mit mehr Kompetenz, gesteigertem Selbstwertgefühl und zum Schluss mit der Erweiterung der Komfortzone belohnt. Übertreibt man es aber damit, gewohnte Muster aufzubrechen, gerät man allerdings schnell in die „Panikzone“. Auf Selbsthilfeseiten wird das zum Beispiel so beschrieben:

„Überschreiten wir eine bestimmte Schwelle bei ungewohnten Aufgaben, kommen wir in die Panikzone. Hier setzt negativer Stress ein, wir schaffen es kaum oder nur mit Glück, wir fühlen uns extrem unsicher. Oftmals scheitern wir, weil wir es eine Nummer zu groß versucht haben. Der Frust gedeiht.“

Es könnte eine Zusammenfassung der letzten zwölf Monate sein.

Aber, möchte man einwenden, wo hat es die Mannschaft übertrieben? Spätestens im Sommer, als der Verein Aufbruchsstimmung propagierte, müssten die Akkus doch wieder voll und jeder Spieler guten Willens gewesen sein, die alte Saison vergessen zu machen. Im sportwissenschaftlichen Bereich wurde intensiv gearbeitet, wichtige Transfers getätigt. Doch mit der Installation des derzeitigen Trainerteams und der zur Vereinsideologie erhobenen Idee, völlig neue Wege zu gehen, setzten Tommy Parits, Markus Kraetschmer und Konsorten einen Neuanfang mit dem Vorschlaghammer durch.

„Ein Ausflug in die Panikzone kann sogar mit einer gegenüber der Ausgangslage vermindertem Selbstwertgefühl und folglich kleineren Komfortzone enden. Von daher raten wir davon ab, Herausforderungen in der Panikzone zu suchen.“

 

Gerald Baumgartner irrt, wenn er die Mannschaft in der Komfortzone sieht.

Wäre er unmittelbar auf Peter Stöger gefolgt, hätte er eine weitgehend homogene, intakte Mannschaft übernommen. So arbeitet er sich an einem Team ab, das seit über einem Jahr nicht mehr zu sich selbst findet. Das Vorhaben, in dieser Phase einen Radikalumbruch zu starten, ist zum Scheitern verurteilt.

Das ist kein Plädoyer wider den Systemwechsel. Die Umstellung auf offensives, aggressives Pressing kann funktionieren – aber in einem anderen Szenario. Wäre die Austria ein „klassischer“ Mittelständler, dessen Potenzial ausgereizt ist, wäre die Chance für einen Neustart da. Unmittelbares Ziel sollte sein, die gewohnte Leistung abzurufen, ehe man neue Impulse setzt. Ist der Punkt erreicht, an dem Spieler nicht mehr mitziehen können, gehen sie langsam von Bord. Ähnliches geschah zu Beginn der Ära Daxbacher 2008/09. „Sir Koarl“ konnte mit Spielern wie Hattenberger, Krammer, Diabang den Cupsieg feiern, noch bevor Parits für das Kurzpassspiel ideale Kräfte wie Junuzovic, Baumgartlinger oder Barazite an den Verteilerkreis lockte. Das Resultat war eine natürliche Evolution hin zu einem Spitzenteam, dem der große Wurf nur knapp verwehrt blieb.

 

Heute ist von Evolution nichts zu sehen.

Baumgartner hat die Revolution versucht und ist, so viel lässt sich prognostizieren, gescheitert.

Als „Neuankömmling“ ist ihm das nicht vorzuwerfen. Verantwortlich ist die Führungsebene. Thomas Parits und der zusehends präsidial agierende Markus Kraetschmer wollten den in Salzburg ins Rollen gebrachten Bandwagon erreichen und stellten damit die ohnehin nicht klar definierte violette Spielphilosophie auf den Kopf. Letztlich ist damit auch die Personalie Baumgartner verbunden. Es ist ein delikates Thema, doch darf man von einem Vereinsvorstand nicht verlangen, auch menschlich kompatible Führungskräfte einzustellen? Baumgartner, aber auch Renato Gligoroski, sind ohne Zweifel engagierte, fachlich überzeugende und auch kritische Coaches. Doch lässt sich ihr technokratisches Auftreten mit der unterstellten Divenhaftigkeit der Austria vereinbaren? Es sind schon andere Fachleute an persönlichen Differenzen gescheitert.

Als warnendes Beispiel sollte hier Sturm Graz dienen. Nach dem großen Krach mit Franco Foda, dessen Stern nach der Meistersaison in Graz verglühte, kam mit Peter Hyballa ein ausgewiesener Theoretiker an die Mur, der sich mit den Medien überwarf und an der Mannschaft aufrieb. Ihm folgte ein wohlmeinender, doch in allen Belangen überforderter Amateur, ehe man Sturm mit einer „logischen“, aber konservativen Lösung wieder an die Spitze bringen wollte. Letzten Endes erhält Foda wohl viel Zeit und eine Menge Geld für den Versuch, die Fehler von vor drei Jahren nicht noch einmal zu machen.

Auch bei der Austria sind allmählich Zerfallserscheinungen sichtbar. Wie unter Bjelica ist öffentliche Spielerkritik en vogue. Die Vorstände folgen diesem Muster, anstatt Ursachenforschung zu betreiben.

 

Doch was wären die Alternativen gewesen, und wie sieht die Zukunft aus?

Grundsätzlich ist es möglich, einer verunsicherten Mannschaft ein neues, modernes System zu vermitteln. Das Nationalteam hat es vorgezeigt, das von Didi Constantini in einem Zustand der Ratlosigkeit und Verunsicherung seinem Schicksal überlassen wurde. Aber Marcel Koller ist ein anderer Typ Trainer als Baumgartner. Er schafft – und verlangt – Struktur und Konzept, ist aber bedingungslos loyal der Mannschaft gegenüber. Koller hat es geschafft, eine Einheit zu formen. So kann er sich als Fußballlehrer verwirklichen und übersteht auch Rückschläge. Zudem steht mit Willi Ruttensteiner ein sportlicher Leiter hinter ihm, dessen Masterplan um einiges weiter in die Tiefe zu gehen scheint als jener von Parits oder dem zunehmend präsidialen Kraetschmer. Und letztlich – dieser Seitenhieb sei erlaubt – ist Marcel Koller ein ganz anderes Kaliber.

Im Nachhinein ist man immer klüger, doch für die Austria wäre es wohl besser gewesen, die Diva auch Diva sein zu lassen. Nach den Zerwürfnissen und der grassierenden Unzufriedenheit müsste ein Trainer in erster Linie Führungsstärke beweisen, indem er die Mannschaft intern festigt und eine Einheit formt. Weiters wäre – gerade beim Potenzial der Austria – eine Reminiszenz an jenes System angebracht, mit der die Mannschaft über einen längeren Zeitraum ein hohes Niveau halten konnte: „Tiki-Daxi“.

Philosophische Aspekte über die Spielkultur der Austria außer Acht gelassen, kann man mit Kurzpassspiel trotz des immer populäreren Offensivkonterns immer noch Meilensteine setzen. Die Tendenz zur variablen Offensive, mitunter mit „falscher Neun“, lässt sich mit dem Fokus auf Ballbesitz bestens umsetzen. Auf höchstem Niveau tragen laufstarke Techniker wie Fabregas oder Götze auf National- und Klubenebe die verschiedensten Systeme; sei es unter Guardiola, Mourinho oder Löw, die allesamt unterschiedliche Auffassungen darüber haben, wie mit dem Ball umzugehen ist. Auch die Austria könnte mit ballorientiertem Spiel an Stärke gewinnen. Das technische Rüstzeug bringt fast jeder Kaderspieler mit. Royer, Gorgon, Meilinger und Holland sind agil und reaktionsschnell. Dazu Suttner, der unter Daxbacher groß wurde, vielleicht „Badkicker“ Horvath, getragen von Impulsgebern wie Grünwald oder Mader. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für schnelles, offensives Spiel. Mag sein, dass ein offensives Pressing mit dem Fokus auf Rückeroberung und Umschaltspiel effizient und kompetitiv ist. Die Vergangenheit hat uns jedoch gelehrt, dass zur Konsolidierung eines Teams ein integratives, demokratisches System, das individuelle Fehler verzeiht, praktischer ist. Richtig praktiziert ist es Alleinstellungsmerkmal und Waffe zugleich. Wir werden sehen, ob die Austria wieder in diese Spur zurückfindet. Bis auf Weiteres scheint der Zug einmal abgefahren.

 

Die personellen Entscheidungen der nächsten Monate werden wegweisend.

Doch unter dem Licht der jüngsten Vergangenheit sind Fehlentscheidungen leider alles andere als unrealistisch. Aber neue Besen kehren gut – hoffen wir das Beste, was die sportliche Führung angeht. Kompetente Kandidaten gibt es gewiss.

In erster Linie ist jetzt auch Ruhe im Verein gefordert. Ruhe, wie man sie nach den Stronach-Turbulenzen durchaus bewies. Damals hatte Thomas Parits erkannt, dass man dem seelenlosen, durch eine katastrophale Post-Meistersaison geschundenen Milliardärsverein ein neues Gesicht verpassen muss. Der erste Schritt war, mit Karl Daxbacher die violette Identität wieder zurückzuholen. Nicht, weil Daxbacher „in einer besseren Zeit“ für die Austria gespielt hat – das haben andere, auch gänzlich ungeeignete Übungsleiter. Sondern, weil er menschlich und fachlich sofort verstanden hat, wofür die Austria steht und wohin sie führen muss: „Erfolg allein reicht bei der Austria nicht. Es soll ein bisschen die alte Austria werden – mit viel Herz, mit viel Charme und technischen Feinheiten.“

Wer auch immer neuer Sportchef wird: es ist ihm zu wünschen, nicht nur über Fachkenntnis, sondern auch derartiges Feingefühl zu verfügen. Die Austria muss sich wieder einmal neu erfinden – und wieder zur Komfortzone werden.

Johnnyrep

Über Johnnyrep

Mag Fußball, Musik und Kaffee. Schreibt nicht so gern, wie es aussieht, kann aber oft nicht anders. Bekennender Biertrinker, Gelehrter, Stehplatzbesucher und stiller Beobachter.