Johann Skocek: Mister Austria

Eine Rezension

Das Buch erschien 2014 anlässlich des 95. Geburtstages von Norbert Lopper, der im Mittelpunkt des Buches steht. Erzählt werden im Buch zwei Geschichten. Zum einen die Geschichte des Juden Lopper, der ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wird, und zum anderen die Geschichte des Klubsekretärs Lopper, der nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges bis in die 80er Jahre als Klubsekretär bei der Wiener Austria tätig gewesen ist.

Zu Beginn des Buches, nach den drei Vorworten von Austria-Präsident Katzian, Armin Thurnher und Beppo Mauhart, zitiert Skocek einen Ausschnitt aus Franz Kafkas „In der Strafkolonie“, einen Text aus 1919, der auf faszinierende Art und Weise das Kommende beschreibt und die Richtung für das Buch vorgibt, gefolgt von einem Kapitel, in dem Skocek den Werdegang der Entstehung des Buches, sowie ein Kapitel, das Loppers Jugendtage in Wien beschreibt.

All diese Kapitel wirken als Vorgeplänkel auf jenen Abschnitt des Buches, der sich mit dem KZ-Häftling Lopper beschäftigt. Der Lageralltag wird beschrieben, die Gräuel die genauso dazu gehören wie so etwas wie Solidarität unter den Gefangenen. Es gelingt jedenfalls das Leben eines Deportierten greifbar zu machen. Loppers Ausführungen werten diese Passagen ungemein auf, genauso wie die für das Buch typischen, von der Erzählung abgetrennten Seiten, die im Kontext des jeweiligen Kapitels eine eigene – wenn man so möchte – Subgeschichte erzählen.

Neben den Kapiteln, in denen die Biographie Loppers beschrieben wird, findet sich im Buch ein Interview mit Loppers Sohn Pierre, der ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert, sich an die Zeit erinnert, in der sein Vater mehr Zeit im Sekretariat als zu Hause verbracht hat.

Das Buch ist zum grandiosen Scheitern verurteilt, wenn es versuchen soll die beiden großen Lebensabschnitte (KZ bzw. Austria Wien) auf Augenhöhe und gleichwertig darzustellen. Der allein schon der Chronologie wegen später erzählte Teil über Loppers Tätigkeit im Verein wirkt, bei aller Wertschätzung gegenüber den Verdiensten von Norbert Lopper, unfassbar banal, wenn nur wenige Seiten vorher beschrieben wurde, wie Norbert Lopper seine eigene Mutter vor der Gaskammer bewahrt hat. Nicht nur er, sondern auch ein Mitglied der SS, Richard Böhm, riskierten ihr Leben um der Mutter Loppers das ihre zu erhalten. Es ist mit die berührendste Episode des gesamten Buches. Nicht nur, dass beschrieben wird, wie ein SS-Angehöriger menschliche Züge aufwies und stets bemüht war, den Häftlingen das Leben nach Möglichkeit zu erleichtern, es wird auch ein Treffen Loppers mit Böck dokumentiert, welches Jahre nach Ende des Weltkrieges und dem Tod der Mutter stattgefunden hat.

Wenn es um die Tätigkeit Loppers als Klubsekretär geht, dann plätschert das Buch so vor sich hin, erfährt die Leserinnenschaft, wenig Neues, wenn sie die Geschichte der Austria im Großen und Ganzen kennt. Spannend wird es einzig und allein in jenem Kapitel, in dem beschrieben, und, wenn man den Ausführungen Glauben schenken will, auch dokumentiert wird, wie die Austria in der Saison 1971/72 im Europacup (auch) an einem korrupten Schiedsrichter scheitert und aus dem Bewerb ausscheidet.

Insgesamt handelt es sich um ein durchaus lesenswertes Buch, obgleich zum wiederholten Male betont werden muss, dass der interessantere Teil des Buches von der Zeit des NS-Regimes und seinen Folgen handelt. Drei Ereignisse, die im Buch Erwähnung finden, sollen an dieser Stelle genannt werden um zu verdeutlichen, dass keine sportliche oder organisatorische Leistung auch nur annähernd so relevant sein kann, wie die Beschreibungen über die Ereignisse, die die Nationalsozialisten zu verantworten haben:

  • Das „Inferno“ von Auschwitz. Lopper berichtet wie einmal im Sommer 1943 von Sonntagmittag bis Dienstagfrüh ununterbrochen Züge von deportierten Juden in Auschwitz ankamen und die Häftlinge die zum Teil bereits toten Personen aus den Waggons bergen mussten. 2 Mal 25-Mann-Trupps mussten sich in 2-Stunden-Schichten mit dieser Aufgabe abwechseln.
  • Im Rahmen eines Prozesses wird die Geschichte eines jungen Buben erzählt, der zuerst von einem SS-Offizier sadistisch gequält wurde, ehe er von demselben Mann durch einen Schuss ins Gesicht ermordet wurde.
  • Eine Vergasung von rund 1000 Juden wird detailgetreu beschrieben. Wie sie in die Gaskammer getrieben wurden, wie während der Vergasung „ein unbeschreibliches Schreien“ (S. 198) einsetzte und welches Bild sich der SS beim Öffnen der Gaskammer im Anschluss daran bot.

Historisch Interessierte werden das Buch als gelungen empfinden und es als Auftrag für die Zukunft verstehen. Personen welche sich nicht so sehr für die Geschichte Österreichs und seiner Bevölkerung interessieren, welche das Buch lediglich des Austria Wien-Bezuges wegen erwerben und lesen, könnten von ihm enttäuscht werden, da die Erwartungen dann nur zum Teil erfüllt werden dürften.

Skocek, Johann (2014):Mister Austria. Das Leben des Klubsekretärs Norbert Lopper. Fußballer – KZ-Häftling – Weltbürger. Falter Verlag. 224 Seiten

Mi.Re.

Über Mi.Re.

Floridsdorfer seit 1989, Zivildienst und Studium hinter sich gebracht. Erfreut sich an Sportveranstaltungen im TV und live vor Ort. Steht auf österreichische Musik. Familien- und Freundschaftsmensch, mittlerweile überzeugter Nordtribünler. Fußball ist weder Lebensinhalt noch Raketenwissenschaft, aber immerhin ein netter Zeitvertreib. Austrianer in dritter Generation. Verliebt in den daxbacher’schen Kurzpass- und Offensivkick. Erwartet von seinen Veilchen schön anzusehendes Fußballspiel und Spielfreude. Will eher keine Zehnkämpfer in Violett geigen sehen. Sympathien auch für das Nationalteam und den Floridsdorfer AC vorhanden.