Jetzt geht’s endlich los!

Die Europameisterschaft steht auch für Österreich unmittelbar vor der Tür, einige Tage nach dem EM-Start wird es auch für Almer, Junuzovic und Co. ernst. Österreichs Elf hat sich erstmals sportlich für ein solches Ereignis qualifiziert. Grund genug um dem Nationalteam erstmals seit Oktober 2013 an dieser Stelle wieder einmal ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Machen wir uns nichts vor. Es ist momentan ziemlich ruhig am Verteilerkreis. Weder verdichteten sich die Anzeichen, dass Cheftrainer Fink die Veilchen bereits nach einer Saison wieder verlassen könnte (was hoffentlich auch so bleibt), noch ergaben sich bis dato spannende Transfernews, wenn man einmal davon absieht, dass Fabian Koch seine Karriere bei Sturm Graz fortsetzen wird.

Aber ganz ohne Fußball kommt man ja auch nicht aus. Was für ein Glück für den Verfasser dieser Zeilen, dass er sich über die veilchenfreie Zeit mit dem Gastspiel der österreichischen Elf in Frankreich ablenken kann.

Prognosen sind so eine Sache, vor allem für mich. In meinem vorletzten Beitrag für diesen Blog nahm ich das Double für die Austria ins Visier, im letzten war ich felsenfest davon überzeugt, dass die Austria das angepeilte Saisonziel verpassen würde. Bei so viel Expertise und vor allen Dingen Treffsicherheit sollte ich vielleicht einfach mal das Scheitern nach der Gruppenphase herbeischreiben. Oder den Europameister Deutschland.

Worauf ich mich schon freue

Endlich mal wieder eine Endrunde, bei der es um wirklich etwas geht. Ich schaffe es auch mir Nachwuchsturniere (von der U17-EM bis hin zur U20-WM) anzusehen und dabei so zu tun, als handle es sich um ein richtiges Turnier. Aber dieser Versuch dieses Nachwuchsturnier auf ein Podest zu stellen ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Natürlich, die 2007er U20-WM war etwas Spezielles, spätestens ab dem Viertelfinale war wirklich Schmackes dahinter.

Aber das letzte richtige Großereignis ist auch schon wieder acht Jahre her. Und die Performance von damals lässt mich heute immer noch sprachlos zurück. Vor allen Dingen das Spiel gegen Polen liegt mir heute noch schwer im Magen, hätten wir diese Partie doch auf Grund der unzähligen 1:1-Situationen mit dem gegnerischen Tormann gewinnen müssen.

Diesmal wird alles anders werden. Die sportliche Qualifikation erlaubt es mit gestiegenen Erwartungen in das Turnier zu gehen. Ich halte es jedoch für falsch großspurig zu erklären „das Halbfinale ist möglich“ oder noch schlimmer: „Alles ist möglich. Wir dürfen vom Titel träumen“. Ja. Eh. Andrerseits halte ich ein Szenario, das uns nach drei Spielen wieder in die gewohnte Zuschauerrolle drängt, auch nicht für ausgeschlossen.

Als Fan der österreichischen Nationalmannschaft sollte man demütig und voller Vorfreude den drei Gruppenspielen entgegensehen. Optimismus ist angebracht. Immerhin haben wir einen Gewinner der Champions League in unseren Reihen, mehrere Spieler, die in guten ausländischen Ligen Titel errungen haben, die sich dort gegen eine starke Konkurrenz durchgesetzt und etabliert haben. Überheblichkeit tut uns trotzdem nicht gut. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Siege gegen Ungarn und gegen Island nur abgeholt werden müssen.

Also: Bescheiden bleiben, demütig bleiben. „Aber a ka Angst vor irgendwem“, wie einst schon Gert Steinbäcker (wenn auch in anderem Kontext) zu singen wusste. Vertrauen darf man darauf, dass Teamchef Koller seine Mannschaft auf ein konkurrenzfähiges Niveau bringen wird, dass die Spieler das Selbstvertrauen haben Spiele bei dieser Endrunde gewinnen zu können. Auch ein mögliches Novum in meiner Fanlaufbahn, in der drei in der Nachspielzeit bewerkstelligte Unentschieden bei großen Turnieren die Highlights darstellen (Mit Toni Polster 1998 gegen Kamerun und Ivica Vastic ebenfalls 1998 gegen Chile sowie 2008 gegen Polen sorgten dabei zwei Akteure für die Tore, die einen Bezugspunkt zur Wiener Austria haben). Mit anderen Worten: Ich habe noch nicht erlebt, dass eine österreichische Mannschaft bei einer Endrunde ein Spiel gewinnt, wenn man mal die 90er WM außen vor lässt, bei der meine größte Sorge dem nächsten Fläschchen und der Frage galt, ob sich Vater oder Mutter jemals wieder dazu herablassen würden die Windel zu wechseln…

Allein der Umstand, dass die Chancen gut stehen, dass sich dieser Makel beheben lassen wird, stimmt mich positiv für die Auftritte des „A-Teams“

Freuen kann man sich auch auf die Spiele der anderen Nationen. Gelingt Spanien der Hattrick? Wünschen würde ich es ihnen. Aber auch England, Frankreich oder Italien wären jetzt per se keine Ungustlsieger dieses Wettbewerbes. Deutschland brauch ich persönlich jetzt nicht am europäischen Thron. Wenn es allerdings so sein sollte, dann wünsche ich mir einen Finalhattrick von Jerome Boateng.

Ich gestehe: Wirklich frei habe ich den Kopf noch nicht für die Endrunde, hat mich die „Europhorie“ noch nicht gepackt…

Was mir gestohlen bleiben kann

Und da sind wir schon beim Punkt. Schlechte Wortspiele, gekünstelte Hysterie um die Spieler und das Turnier. Klar, hier spielt immer ein wenig Eitelkeit mit. Dieses ganze „Ich habe das Team schon unterstützt, als es in der Weltrangliste noch einen dreistelligen Rang eingenommen hat“, liegt mir grundsätzlich fern. Aber natürlich lockt so eine Erfolgsgeschichte auch Personen an, die vom Fußball jetzt nicht arg so viel Ahnung haben, wie das Licht die Motten. Völlig okay, wirklich. Die Spiele werde ich mir trotzdem im engen Freundeskreis anschauen, Public Viewing-Zonen werden auf meine Anwesenheit verzichten müssen. Sie werden es überstehen.

Und allein die Tatsache hierfür einen Absatz ver(sch)wenden zu müssen, vergällt mir die Freude am Sport sowieso. Wenn man Medienberichten Glauben schenken kann, dann konnten ukrainische Behörden bis zu 15 geplante Anschläge vor und während der EM verhindern, indem ein rechtsextremer potentieller Attentäter gefasst und „ein Arsch voll“ Munition sichergestellt werden konnte.

Aber auf Grund der jüngsten Geschichte Frankreichs, schwebt aus einem anderen extremistischen Eck das Damoklesschwert über dieser Europameisterschaft. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, daher hoffe ich, dass die zuständigen Institutionen ihren Job im Vorfeld der EM gemacht haben und einen sicheren Ablauf der Spiele gewährleisten können.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass sich Radaubrüder aus ganz Europa zu einem Stelldichein in Frankreich verabredet haben dürften. Unfassbar wie viele Szenen der Gewalt und des Hasses n den ersten EM-Tagen ihren Weg in unsere Wohnzimmer gefunden haben.

Aber, um wieder aufs Sportliche, also Wesentliche zu kommen. Es geht hier um Fußball. Der Umstand, dass hier elf österreichische Staatsbürger gegen elf ungarische Staatsbürger antreten ist einfach dem Regulativ geschuldet. Es geht hier nicht um Nationalstolz, um Ehre, um die Verteidigung des Vaterlands. Es geht um die verbindende Kraft des Fußballs. Die Patrioten werden um diese Zeit des Jahres immer mehr. Ich selbst besitze drei Österreichtrikots, aber bitte verschont mich vom Diskurs über die Legitimität endlich mal wieder stolz auf Österreich sein zu dürfen. Und wenn ihr schon stolz auf Österreich und sein Team sein wollt, dann aber wirklich. Alaba, Arnautovic, Dragovic, Garics, Harnik, Junuzovic, Okotie, Özcan, – Sie allesamt repräsentieren das Österreich des 21. Jahrhunderts.

Und ihnen allen gilt meine Sympathie und Zuneigung für diesen Sommer.

Bis halt die Austria wieder geigt.

Beitragsbild: vom Autor

Mi.Re.

Über Mi.Re.

Floridsdorfer seit 1989, Zivildienst und Studium hinter sich gebracht. Erfreut sich an Sportveranstaltungen im TV und live vor Ort. Steht auf österreichische Musik. Familien- und Freundschaftsmensch, mittlerweile überzeugter Nordtribünler. Fußball ist weder Lebensinhalt noch Raketenwissenschaft, aber immerhin ein netter Zeitvertreib. Austrianer in dritter Generation. Verliebt in den daxbacher’schen Kurzpass- und Offensivkick. Erwartet von seinen Veilchen schön anzusehendes Fußballspiel und Spielfreude. Will eher keine Zehnkämpfer in Violett geigen sehen. Sympathien auch für das Nationalteam und den Floridsdorfer AC vorhanden.