Gemach, gemach!

Warum die Bestellung eines biederen 2-Liga Trainer wie Baumgartner uns allen gut tun könnte…

Vorweg:
Ich habe keine Ahnung von Fußball. Also nicht so wirklich. Ich habe – angesichts vollkommener Talentbefreitheit – nie aktiv gekickt, sondern immer nur geschaut. Lese ich Taktik-Blogs steige ich regelmäßig aus, da sie mich überfordern. Gewisse Rituale des Fußballsports wirken auf mich archaisch, reaktionär und befremdlich und ich bin eigentlich ziemlich froh meinen Lebensunterhalt nicht in dieser Branche verdienen zu müssen.
Werde ich also gefragt, ob ich glaube, das Gerald Baumgartner als Austria Trainer ein gute Wahl ist und ob er Erfolg haben wird, ist eigentlich nur eine Antwort legitim und vertretbar: Ich habe absolut keinen Schimmer!

Weder habe ich die fachliche Expertise, noch kenne ich ihn persönlich, noch habe ich den Fußball, welch seine Vereine bisher gespielt haben kontinuierlich beobachtet. Alle Eckpunkte welche ich für eine halbwegs seriöse Einschätzung benötige fallen also weg. So bleiben mir als Fußballfan nur das Prinzip Hoffnung, meine grundsätzlich vorhandene Loyalität zum Verein und mein unerschütterlicher Optimismus, ohne den eine längere Lebensdauer als Veilchen unmöglich ist.
Kommen wir nun aber zur prinzipiellen Frage, ob ein Trainer mit dem Lebenslauf eines Gerald Baumgartners überhaupt einer Austria würdig ist und ob hier nicht feiger Kleinmut und Knauserei betrieben wurde, da doch die Austria nicht nur wen besseren verdient, sondern auch locker bekommen müsste.

Die Austria hat sich als Verein verpflichtet, die Einnahmen der Championsleague nur in nachhaltige Projekte zu stecken. Angesichts deren durchschnittlichen Verweildauer bei uns, fallen damit größere personenbezogene Investments in Trainer weg.
Kauft man also nicht mit betriebswirtschaftlich nicht vertretbaren Summen „garantierte“ Qualität ein, bleibt für einen Verein wie Austria Wien, als Spitzenklub in einem sehr kleinem Markt und maximal unterer europäische Mittelklasse, nur folgendes Beuteschema für Trainer übrig:

Der bekannte Namen im Karriere-Tief

Renommierte Namen welche zur Verfügung stehen haben einen großen Vorteil. Sie haben meist konkrete Erfolge in ihrem Lebenslauf nachzuweisen.
Renommierte Namen welche zur Verfügung stehen haben einen Nachteil: Sie stehen, deswegen zur Verfügung, weil sie in letzter Zeit Misserfolge in ihrem Lebenslauf nachzuweisen haben.
Nur aufgrund der Tatsache, dass sie aktuell eine Talsohle in ihrer Karriere durchschreiten macht sie für den österreichischen Markt überhaupt verfügbar.

Jung, deutsch mit der extra Portion Konzept

Kommen wir also zum personifizierten feuchten Traum des heimischen Fußballhipsters. Der junge (wichtig!), deutsche (sehr wichtig!!) Konzept(!!!!)trainer. Bisher tätig in Vereinen der 2. oder gar 3. Deutschen Liga, bei Vereinen deren Existenz vollkommen zu Recht an einem vorüber gegangen sind. Was aber verwundert und fast schon empört: solche Vereine verfügen aber allesamt über eine bessere Infrastruktur, mehr Zuschauer und höheres Lohnniveau als unsere wunderbare Austria.
Tatsächliche Talente wie ein Roger Schmid, können mit Unsummen aus dem Hause Mateschitz dazu bewegt werden, sich kurz für höhere Weihen in Deutschland zu empfehlen, ansonsten sind maximal Persönlichkeiten wie Hyballa möglich, dessen „pointierte“ Menschenführung in Graz noch heute Gesprächsthema ist, und offenbar auch in Deutschland aktuell nicht für höhere Weihen als die Leverkusener U19 vorgesehen ist.
Am Beispiel von Ralph Hasenhüttl zeigt sich auch, dass selbst Trainer mit violetter Vergangenheit nicht nach Österreich zu lotsen sind, sofern diese die Perspektive haben, dass ihre Karriere im deutschen Fußball noch nicht am Plafond angelangt ist.

Die „logische“ heimische Lösung

Mit Stöger und Bjelica kamen unsere letzten beiden Trainer aus diesem Segment. Erwiesene, erprobte Fachleute, welche sich in der heimischen Liga bei kleineren Vereinen bewährt hatten. Punkto Leistungsbilanz erwies sich Peter Stöger der „schwächere“ Kandidat als Glückstreffer, mit Bjelica der „stärkere“ als komplett inkompatibel mit dem spezifischen Vereinsleben der Austria. Wesentlicher als die nüchternen Fakten des Lebenslaufs waren offenbar Führungsstil, soziale Kompetenz und Anpassungsfähigkeit an Mannschaft und Verein.

Was bleibt ist die Erkenntnis: jeder Trainer, welche leistbar ist, ist ein Experiment. Nun hat die sich Austria für das Experiment Baumgartner entschieden. Ein Trainer ohne große Spielerkarriere, offenbar brennend vor Ehrgeiz und gewohnt mit dem vorhandenen Spielermaterial zu arbeiten. Eine unspektakuläre Lösung, bei der der überwiegende Teil der Anhängerschaft sich zurücklehnt und abwartet was so kommt. Eventuell ist diese Zurückhaltung und das Hoffen auf den Erfolg durch nüchterne Arbeit, genau das, was unser Verein nach der Achterbahnfahrt der letzten Jahre braucht. Auch als großer Fan von Manfred Schmid hätte ich Angst gehabt, dass die messianischen Erwartungen welche in ihn gesetzt worden wären, für seine erste „wirkliche“ Station als Cheftrainer ein große Hürde geworden wäre. Weiterer Trost: Mit Schmid kann sich ein Austria Urgestein, welches quasi zwingend wieder bei seinem Verein landen wird, nun in einer der besten Ligen der Welt weiter entwickeln. Für die mittelfristige Perspektive der Austria durchaus erfreulich…

Für den Erfolg von Baumgartner wird nicht sein bisheriger Lebenslauf entscheidend sein, sondern seine Fachkenntnisse, seine Fähigkeit als Führungskraft und als Kommunikator in-und außerhalb des Vereins. An seinen ersten Wortmeldungen gibt es nichts auszusetzen, über seinen mitgebrachten Co Trainer Renato Gligoroski hört man nur Gutes, seine Homepage lässt die Hoffnung wachsen, dass hier ein kluger und reifer Mensch ans Werk geht.

Geduld, Realismus, Vertrauen und Bescheidenheit sind ungeübte Disziplinen in der violetten Welt, eventuell wäre es aber an der Zeit, wenn wir uns alle darin versuchen würden.

Ein bisserl halt.

Eh nicht lang.

 

tibor

Über tibor

heiter, lebhaft, leichtsinnig & fortgeschrittenen Alters auf der Nord verweilend. Freund des gepflegten Rückpasses. Liebhaber der globalen Fußballkultur. Findet , dass Fußball mit netten & gescheiten Menschen mehr Spaß macht. Warum Austria Wien? Hatte das Privileg unter Prohaska, Nylasi , Polster & Co aufzuwachsen.( Kinder lieben Kantersiege der eigenen Mannschaft.) Bzgl. Verein gab es nie eine Wahl, da aus gutem violetten Haus. Wurde erzogen nach dem Grundsatz „Gewisse Entscheidungen sind zu wichtig, um sie den Kinder zu überlassen!“ und wendet diese Erkenntnis nun auch beim eigenen Nachwuchs an.