Für den verplanten Donnerstag! Für den europäischen Glamour!

Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird. (Albert Camus)

Ja, die Mannschaft / der Verein hat aktuell einen europäischen Startplatz gar nicht verdient.

Wir spielen grottig, sind organisatorisch dysfunktional wie ein Hühnerhaufen und liegen meilenweit unter unseren eigenen Ansprüchen zurück.

Ja es ist vermessen anzunehmen, dass einer Mannschaft welche es in 25 Runden kein einziges Mal geschafft hat, sich in der Tabelle auf einem EL-Platz zu positionieren, nach 36 Runden gelingen wird diese Qualifikation einzufahren.

Verstörend auch der Gedanke, dass ein etwaiges Reinwurschteln über den Cup-Platz in die Euroleague die sportliche Stagnation und den Niedergang kaschieren würden, und sich eine selbstbetrügerische „Saisonziel erreicht, eh alles nicht so schlimm!“-Stimmung breit machen könnte, welche die dringend notwendigen und jahrelang verschleppten Veränderungen hemmen würde.

Ja wir haben so in Europa nichts verloren.

Soweit so gut. So richtig, so egal.

Aber es gibt nun mal triftige Gründe, warum es für die Austria verdammt wichtig ist, sich diese Saison für einen europäischen Bewerb zu qualifizieren.

Budget, Renommee, Beibehaltung der Setzung bei europäischem Bewerben?

Ja, auch das ist alles durchaus von Belang

Kommen wir aber zum wichtigsten Grund: Meine Befindlichkeit.

Ich habe es mir nach 18 Monaten wirklich schlechtem Fußball einfach verdient mal wieder belohnt zu werden.

Ich habe es mir verdient bei der Auslosung am Live-Ticker zu hängen und mit Vereinsnamen konfrontiert zu werden die ich nicht kenne und auch nie korrekt aussprechen werde. Trotzdem kann ich diese Mannschaften aber nach 2 Minuten Google-Recherche punktgenau einschätzen und habe 100% Gewissheit, dass DIE aber bitte für die Wiener Austria niemals eine Hürde sein dürfen.

Ich habe es mir verdient, gestresst unter der Woche von der Arbeit zum Verteilerkreis zu fahren um ein Dreierabo zu kaufen und dann mit der Trophäe im Geldbörserl glücklich nach Hause zu fahren.

Ich will dieses wichtigtuerische Triumphgefühl, nach erfolgter Qualifikation für die Gruppenphase, gleich mal alle Donnerstag-Abende des Herbstes im Kalender mit „Fußball!?!!!“ zu blockieren.

Ich habe es mir verdient auf eine „leiwande“ Gruppe mit renommierteren Kultvereinen aus England, Italien und Deutschland zu hoffen, um dann doch wieder mit einem obskuren Mittelständler-Mix aus dem ehemaligen Comecon-Raum konfrontiert zu werden.

Ich will wieder Kicker der Gastmannschaft sehen, die kurz vor ihrem großen Durchbruch stehen und einige Jahre später verklärt erzählen, dass unsere Burschen den späteren Weltmeister/Championsleaguesieger damals eh ganz gut im Griff gehabt haben.

Ich habe mir die gefühlsmäßige Achterbahnfahrt verdient, welche nur europäische Nächte bieten können. Von heroischen Aufholjagd gegen Bremen als am Schluss das ganze Stadion mittels Horr-Roar Thiago Schumacher (!) zum zaubern (!!!) brachte, bis zur bizarren, tragikomischen Demütigung durch den Tripelpack eines belgischen Schuhverkäufers im halbleeren Happel.

Ich hab es mir verdient grünen Freunden und Kollegen am Spieltag mitzuteilen, dass sie uns kein Glück zu wünschen brauchen, da ich ihnen ja auch nichts vergönne.

Ich habe mir das Frieren an den kalten Novemberabenden verdient, wenn der Nebel über den Monte Laa zieht.

Ich habe es mir verdient beim obligatorischen Leistungsknick im November die 67. Debatte zu führen, ob jetzt die Doppelbelastung bei unserem dünnen Kader eine zulässige Erklärung oder nur eine faule Ausrede ist.

Ich habe mir die innerfämiliär zäh erkämpften Auswärtsfahrten verdient, welche als „legendär“ erwartet werden, aber zum beträchtlichen Teil doch nur aus Fremdschämen für den sturzbesoffenen Auswärtssektor bestehen.

Ich habe sie mir verdient. die radebrechenden Gespräche mit Fußballverrückten aus anderen Ländern.

Ich habe es mir verdient wutbürgerisch-reaktionäre Brandreden gegen den modernen Fußball zu halten, nur weil wir gerade von irgendeinem ukrainisch-brasilianischen Oligarchenklub 4:0 herpaniert wurden.

Und wirklich nur aus diesem Gründen bin ich bereit diese Saison bis zur bitteren Neige, bis zu jenem spielerischen Offenbarungseid, welche das Scheitern auch mathematisch dokumentiert, durchzustehen.

Keine hehre Vereinsliebe treibt mich aktuell ins Stadion, keine Hoffnung auf Besserung, kein Anspruch auf gepflegten Fußball.

Nur die tiefe Sehnsucht, dass meinem seltsamen Hobby manchmal ein Hauch von Glamour widerfährt.

Veilchen, erfüllt mir diese Sehnsucht. Bitte.

 

Hinweis: Original des Beitragsbildes von focus.de

tibor

Über tibor

heiter, lebhaft, leichtsinnig & fortgeschrittenen Alters auf der Nord verweilend. Freund des gepflegten Rückpasses. Liebhaber der globalen Fußballkultur. Findet , dass Fußball mit netten & gescheiten Menschen mehr Spaß macht. Warum Austria Wien? Hatte das Privileg unter Prohaska, Nylasi , Polster & Co aufzuwachsen.( Kinder lieben Kantersiege der eigenen Mannschaft.) Bzgl. Verein gab es nie eine Wahl, da aus gutem violetten Haus. Wurde erzogen nach dem Grundsatz „Gewisse Entscheidungen sind zu wichtig, um sie den Kinder zu überlassen!“ und wendet diese Erkenntnis nun auch beim eigenen Nachwuchs an.