Die „Z“-Frage: Eine kurze Replik auf Alexander Strecha

In all den Jahren der Fußballbegeisterung und des damit verbundenen Medienkonsums gab es immer eine konstante Faustregel:
Wird die „Z-Frage“ thematisiert, das heißt über die Zuschauerzahlen der Austria diskutiert, ist dies ein gutes Zeichen.

Allein schon deshalb, weil wir dann ansonsten wenig Gesprächsthema hergeben.
Und für andere Themen waren wir in den letzten beiden Saisonen wahrlich eine sprudelnde Quelle. Eine organisatorische Talfahrt, unglückliche Personalentscheidungen abseits des Platzes und eine Performance am Feld, welche einem die Schamesröte ins Gesicht trieb.

Nun ist es anders. Die sportliche und organisatorische Konsolidierung erfolgte schneller, als es die kühnsten Optimisten erwartet hatten. Die spielerischen, taktischen und athletischen Fortschritte, welche die 4 Monate der Ära Fink bewirkt haben, sind offensichtlich und schlagen sich auch in den Ergebnissen nieder.

Diese Ergebnisse wiederum mündeten nun nach 15 Runden in einer Bundesligatabelle, die so schön ist, dass wenn sie eine Statue wäre, man sie alle 30 Minuten aus dem Schrank nehmen würde, um sie verträumt und verliebt zu streicheln.

Fixiert wurde der Tabellenstand bei einem rauschenden Fußballfest gegen das heimische Farm Team des Red Bull Konzerns. Es war ein großer Kampf, welcher in einem durchaus verdientem Unentschieden gegen das stärkste Team der Liga endete. All das in einem bebenden tschechischen Herz, in welchem sich die Veilchen auf den Tribünen förmlich auf die Füße stiegen.

Im Spielbericht des Kuriers wurde dies alles jedoch zur Nebensache. Was den meisten Raum einnahm, war der vermeintliche Skandal, dass dieses Spiel nicht ausverkauft war.

Hier war es wieder das „Z-Wort“: Die Austria und ihre Zuschaueranzahl…

Man könnte hier anmerken, dass dies bedauerlich aber halt nur ein Nebenaspekt zum sportlichen Geschehen war. Auch eine kurze oberflächliche Recherche hätte ergeben, dass im langjährigen Vergleich die Zuschauerzahl für ein Spiel gegen RBS durchaus beachtlich war.

Was am meisten überrascht, ist die Tatsache, wie wenig Menschen, welche sich eigentlich auf professioneller Ebene mit dem Wiener Fußball-Wesen beschäftigen, kapieren, wie wir Veilchen so gestrickt sind.

Die tiefe Kränkung

Nach den Desastern der letzten beiden Meisterschafts-Saisonen, war jetzt mal schmollen beim violetten Volk angesagt.

Auch die Fortschritte unter Fink wurden zuerst mal misstrauisch beäugt und es wurde mal abgewartet.

Zu tief war die empfundene Kränkung, zu schnell zerbröselten in jüngster Vergangenheit die Hoffnungen, welche man in neue Trainer gesteckt hatte.

Hier zeigt sich ein großer und oft vergessener kultureller Unterschied zum Stadtrivalen aus Hütteldorf: Wir Veilchen entflammen nicht so leicht wie angetrunkene 18-jährige in lauen Sommernächten. Ein paar Erfolgserlebnisse lassen uns nicht in mobilisierend lüsternen Autosuggestionsmodus verfallen, welcher uns traditionell jeden August einredet, dass uns nichts und niemand aufhalten kann.

Unsere Autosuggestion ist die der überzogenen Ansprüche und die tiefempfundene Überzeugung ein Anrecht auf großartigen Fußball zu haben. Wird uns dieser verweigert oder sind wir mal bei der Überzeugung angelangt, dass dies der Verein nicht liefern kann, reagieren wir mit kühler Verweigerung.
Nicht wegen erkalteter, sondern aus enttäuschter Liebe.

Als Veilchen ist man der neurotische Romantiker, stets auf das Glück mit der einen großen Liebe hoffend , um dieser aber bei jeder Gelegenheit die Sünden der Vergangenheit vorzuhalten.

Erst seit dem Derby und nach dem Mattersburg-Spiel gibt es wieder so was wie Zuversicht und Vertrauen in die Mannschaft und sportliche Führung. Ein Vertrauen, welches sich auch in den Zuschauerzahlen bis zur Winterpause niederschlagen wird.

Veilchen und Dosen: Wurschtfaktor statt Feindbild

Obwohl seit Jahren der sportlichen Benchmark in der Liga sind die “Dosen“ kein deklariertes Feindbild für den violetten Teil von Wien.

Für den 08/15 Austrianer ist die heimische Filiale des Red Bull Fußballkonzerns nicht die dunkle Macht des Kommerzes, der man den ehrlichen Community-Kommerz der Cashback Karten entgegenhält, sondern einfach nur ein – zugegebenermaßen- unsympathischer und reicher Rivale, mit dem man im Alltag aber nicht viel zu tun hat.

Deren Titel sorgen – wenn überhaupt – nur in Salzburg und Umgebung für emotionale Aufwallungen , aber im östlichen Österreich, dem geographischen Einzugsgebiet der Austria ist, davon nichts zu bemerken

Deren Fanblock, welcher eigentlich wie eine große Pinzgauer (Privat-)Schülergruppe auf Wien-Woche wirkt, will man eher ein Cola & einen Stadtplan spendieren, als sie zu beschimpfen.

Kurzum: Red Bull Salzburg hat für uns nichts zu bieten, was für einen mobilisierenden „Wir gegen die“-Selbstläufer ausreichend ist.

Die 11.500 Veilchen lockte an diesem Tag nicht „Gegner“ und „Spitzenduell“ ins Stadion sondern die Aussicht auf guten packenden Fußball, welcher von ihrer Mannschaft geboten wird. Wer beim Rausströmen die Grinser und die Zufriedenheit auf alle den Gesichtern gesehen hat, weiß , dass diese Hoffnung nicht enttäuscht wurde .

Solange diese Hoffnung vorhanden ist, werden sie kommen, verfliegt diese, werden wieder viele zuhause bleiben.

Man mag diese Eigenart des violetten Anhangs für verwunderlich oder gar verurteilenswert halten, nur sollte sie endlich als Faktum akzeptiert und nicht als Sensation verkauft werden.

Hinweis: Beitragsbild von http://www.retrocatch.com/

tibor

Über tibor

heiter, lebhaft, leichtsinnig & fortgeschrittenen Alters auf der Nord verweilend. Freund des gepflegten Rückpasses. Liebhaber der globalen Fußballkultur. Findet , dass Fußball mit netten & gescheiten Menschen mehr Spaß macht. Warum Austria Wien? Hatte das Privileg unter Prohaska, Nylasi , Polster & Co aufzuwachsen.( Kinder lieben Kantersiege der eigenen Mannschaft.) Bzgl. Verein gab es nie eine Wahl, da aus gutem violetten Haus. Wurde erzogen nach dem Grundsatz „Gewisse Entscheidungen sind zu wichtig, um sie den Kinder zu überlassen!“ und wendet diese Erkenntnis nun auch beim eigenen Nachwuchs an.