Die Unzufriedenheit als ständiger Begleiter – Aber warum eigentlich?

Zwanzig Partien liegen hinter uns, es ist Länderspielpause. Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie wird die momentane Situation eigentlich wahrgenommen? Schwarz-Weiß-Denken ist in den allerwenigsten Fällen zielführend und ratsam, wenn es darum geht rational Dinge zu bewerten. Die Austria ist nach schier endlos langer Zeit wieder in einer europäischen Gruppenphase vertreten und hält nach zwei Spieltagen bei beachtlichen vier Punkten. Andrerseits verlief das erste Viertel der Meisterschaft alles andere als nach Wunsch.

Zehn Meisterschaftsrunden, acht Spiele auf internationaler Ebene und zwei Auftritte gegen Regionalligisten im Cup wurden von den Veilchen bis dato absolviert. Von diesen 20 Begegnungen konnten 13 (65%) siegreich bestritten werden, zwei (10%) endeten unentschieden und fünf (25%) Spiele wurden verloren. Besonders erfreulich hierbei ist freilich die positive Bilanz im Europacup, in dem sechs von acht Spielen gewonnen werden konnten. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Bilanz in der Meisterschaft dementsprechend deutlich ernüchternder ausfällt (5-1-4). Allen voran schmerzen natürlich die deutlichen Abfuhren gegen Rapid, Salzburg und Sturm Graz.

Die Frage die sich mir nun stellt: Ist das Glas jetzt halb leer oder halb voll?

Die Antwort auf diese Frage lässt sich nicht so eindeutig geben. Differenzierung lautet auch hier wieder einmal das Zauberwort. Im Cup wurde bisher lediglich die Pflicht erfüllt, die Überstunden in Döbling hätten sich aber sowohl die Fans, als auch die Mannschaft gerne erspart. Die internationalen Auftritte sind größtenteils schwer in Ordnung. Die (einzige) Niederlage im Heimspiel gegen Trnva wurde, spät aber doch, ausgemerzt. Nicht nur das. Mit einem gewonnen Elfmeterschießen auf europäischer Ebene konnten die Burschen, wenn auch ungewollt, ein Highlight im Leben so manchen jüngeren Fans setzen.

Tja, und dann bleibt unglücklicherweise noch die Meisterschaft. Sie ist unser tägliches Brot und deswegen ist es meiner Ansicht nach auch legitim, ihr den größten Stellenwert einzuräumen. Ohne anständige Performance in der Bundesliga sind alle Analysen über Spiele jenseits der Staatsgrenze obsolet.

Der Anspruch des FK Austria Wien muss es sein um den Titel mitspielen zu können! – Ja, eh. Das wäre das Wunschszenario, es darf allerdings bezweifelt werden, ob in Zeiten wie diesen dieser Spruch nicht zur Stammtischfloskel zu verkommen droht. Die sportliche Führung, allen voran Cheftrainer Fink, stellte zuletzt mehrmals klar, dass Rapid und Salzburg (momentan) eben um mindestens eine Stufe über uns zu stellen sind. Diese Meinung – so unpopulär sie auch sein mag – lässt sich schlicht durch die Resultate der vergangenen Jahre belegen. Ich nehme, ohne jene Diskreditierungsversuche, die von verschiedenen Seiten kommen, auch nur im Ansatz ernst zu nehmen, selbstverständlich an, dass der gesamte Verein all sein Handeln und Streben dahingehend ausrichtet, diesen Umstand so rasch als möglich umzukehren. Und wenn schon nicht das, dann wenigstens auszugleichen oder abzuschwächen.

Wie schwer es allerdings ist, die notwendige Geduld aufzubringen, wenn in regelmäßigen Abständen gepatzt wird, zeigt allerdings, dass ich von einem der klügsten und besonnensten Köpfen in meiner violetten Umgebung nach der bitteren und vermeidbaren Heimniederlage gegen die Admira ein: „Ab jetzt bewegt sich Fink im Minus-Bereich.“ vernehmen musste.

Machen wir uns nichts vor: Die allgemeine Stimmung im Verein könnte besser sein. Es herrscht absolut keine Euphorie, jeder Sieg muss hart erkämpft werden, im Vorbeigehen wird kein Gegner besiegt. Dass es nicht überraschend kommen kann, dass ein europäischer Herbst mit Einbußen auf dem Punktekonto der Liga einhergeht, steht auf einem anderen Blatt Papier. Eigentlich wünscht man sich ja trotzdem attraktives Fußballspiel. Prachtexemplare auf welche Weise die leiseste Ahnung von Aufbruchsstimmung im Keim erstickt werden kann, sind in der heurigen Saison (leider) zur Genüge vorhanden. Ein exzellenter Saisonstart mit Siegen über Dornbirn, Mattersburg, Kukesi und Trnva konnte in keinen Lauf umgemünzt werden, weil mit dem Derby und der Auswärtspartie in Graz zwei Dämpfer der übleren Sorte eingesteckt werden mussten. Man richtet sich auf, man fängt sich und bestreitet das Play-Off zur Europa League gegen Trondheim sehr souverän und erfolgreich, hat dann auf Grund eines günstigen Ergebnisses in der Parallelpartie (SCR-RBS) mit einem Sieg beim Tabellenschlusslicht die Möglichkeit an diesen beiden Teams vorbeizuziehen und vergibt einen fix eingeplanten Sieg in Ried wodurch auch immer, was erneut dazu führt, dass man frustrierter ist, als es die Situation eigentlich erfordern würde. Aus der Länderspielpause kommt man mit einem 4:1-Sieg gegen Wolfsberg und dem Auftaktsieg in der Gruppenphase bei Astra Giurgiu. Es folgt ein Gruselauftritt beim Meister in Salzburg, ein ‚Guad-is-gangen-nix-is-gscheng‘-Auftritt im Cup bei der Vienna und eine unglaublich bittere, weil im Zustandekommen absolut vermeidbare Heimniederlage gegen eine (zu diesem Zeitpunkt) schwächelnde Admira. Erneutes Wundenlecken war also angesagt. Der Punkt gegen Plzen war eh ok, mehr aber auch nicht. Schade ist‘s jedenfalls, weil ein regelkonform erzieltes Tor keine Anerkennung durch das Schiedsrichtergespann fand.

Und dann kam St. Pölten zu Besuch. Nicht auszumalen, wie die Stimmung hier wäre, wenn dieses Spiel nicht gewonnen hätte werden können. Ich persönlich habe kein gutes Spiel meiner Austria gesehen, habe das aber auch nicht erwartet. Was das Spiel leichter gemacht hätte, wäre klarerweise die Führung gewesen, die Lukas Rotpuller per Abstauber erzielt hat. Erneut war es ein Assistent, der nicht mitspielen wollte. Auch wenn die Schiedsrichterleistungen in Österreich insgesamt gesehen durchaus kritisch betrachtet werden sollten, war diese Fehlentscheidung ein außergewöhnliches Kaliber. Wir erinnern uns vielleicht an ein Tor von Roland Linz gegen Sturm Graz, der ähnlich weit im Abseits war, wie hier kein Abseits vorgelegen hat.

Sei wie es sei. Das Spiel wurde gewonnen, und wenn man der Mannschaft schon einiges ankreiden kann, mangelnder Wille ist es nicht. Ihr fehlt in der einen oder anderen Situation zwar die Abgebrühtheit, möglicherweise auch die Spielintelligenz. Das was sich aber am schlimmsten auswirkt: Es fehlt ihr an Konstanz. Würde die Mannschaft kontinuierlich das abrufen, was sie zu leisten imstande ist, dann würde man vermutlich besser dastehen.

Und das ist ja eigentlich der Punkt, um den es mir geht. Wir sind Fünfter. An und für sich absolut nicht zufriedenstellend. Allerdings ist alles sehr eng beisammen, wenn man das Team der Stunde aus Graz mal ausklammert. Diese Mannschaft beweist ganz einfach, welch enormer Vorteil es sein kann, wenn man auf einem ähnlichen Level wie andere Mannschaften agieren kann, aber eben keine Doppelbelastung zu verarbeiten hat. Um diesen Begriff einmal zu relativieren. Körperliche Müdigkeit lasse ich nur bedingt gelten. Meiner sehr bescheidenen Meinung nach liegt das Hauptproblem an dieser Mehrfachbelastung darin, dass die Zeit fehlt sich auf den jeweiligen Gegner optimal vorbereiten zu können. Das betrifft meiner Ansicht nach sowohl die Spielvorbereitung aus taktischer aber auch aus mentaler Sicht. Drei Mal in acht Tagen auf den Punkt fokussiert zu sein, erfordert wohl mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Gut, was Sturm betrifft, befürchte ich, dass die Karten – wenn überhaupt – dann erst im Frühjahr neu gemischt werden können. Aber die anderen Konkurrenten performen auch alles andere als überzeugend.

Warum also mit einem Fotz durch die Lande ziehen? Altach darf zwar keinesfalls unterschätzt werden, muss aber auf lange Sicht den Kürzeren ziehen, zu groß sind die Möglichkeiten und die Qualität der Austria.

Grund zur Besorgnis geben die direkten Duelle gegen die beiden Klubs aus Penzing und Salzburg in der Ära Fink. Aber es steht doch wohl nirgendwo geschrieben, dass die Resultate nicht auch einmal zu unseren Gunsten ausfallen können, wenn man das Auftreten in diesen Spielen endlich einmal dahingehend ausrichten kann, die eigenen Qualitäten auch auszuspielen. Wie wichtig das Momentum im Fußball sein kann, sieht man aktuell beim Stadtrivalen, bei dem Mike Büskens in der Onlinecommunity schon schwer in der Kritik steht.

Jeder weiß, dass es im Fußball schnell gehen kann, auch für uns kann es theoretisch ein paar Wochen schon wieder rosiger aussehen. Aber mir geht’s ja um die momentane Situation und die permanente Unzufriedenheit, die auch bei Siegen vielerorts latent mitschwingt.

Ja, es ist traurige Realität, dass wir keinen Zauberfußball zu sehen bekommen, dass wir uns Siege erarbeiten und nicht erspielen, dass auf erfreuliche Resultate allzu oft herbe Rückschläge erlitten werden müssen.

Aber rechtfertigt all das den gesamten Weg, den der Klub eingeschlagen hat permanent in Frage zu stellen? Inkompetenter Sportdirektor, lernresistenter Trainer. Charakterschwache Spieler, launenhafte Diven, die sich selbst überschätzen. Hundskick, den wir seit Jahren (!!!!!) ertragen müssen.

Einige Punkte davon kann man diskutieren. In sachlicher Atmosphäre. Ohne jeglichen Schaum vor dem Mund. Andere kann man wohl getrost in die Ecke ‚Billiger Populismus‘ stellen.

Ich bin unmittelbar nach dem Spiel auch oft ein Temperamentsbolzen, der sich in der Wortwahl schon mal vergreift, aber dennoch sehe ich die Austria nicht auf einen Abgrund zurasen.

Bilanzen während eines laufenden Wettbewerbes sind immer schwierig.

Fakt ist, dass Fink die Austria in seinem ersten Jahr von Rang sieben auf Rang drei geführt hat, dass er die Gruppenphase erreicht hat (was ihn und der Mannschaft viele nicht zugetraut haben) und wir auch in dieser bisher eine gute Rolle spielen.

Fakt ist auch, dass wir mit dem Ziel in die Saison gestartet sind einen (tabellarischen) Sprung nach vorne zu machen. Ja, auch ich habe Sportdirektor Wohlfahrt im Ohr, der erklärte zur Stelle sein zu wollen, falls die über uns zu stellenden Rapid und Salzburg schwächeln würden.

Ja, wir erleben ambivalente Leistungen auf dem Feld, wir stehen national mittelmäßig da, international gut.

Warum wird bei uns aber immer das Negative betont?

Natürlich haben wir Ziele und Ansprüche. Aber wie realistisch sind die? Wir haben momentan weniger Budget, als andere Mannschaften. Wir haben (und das wird allzu oft vergessen) eine junge Truppe, die auch mal Fehler macht. Wir spielen in einem Stadion, das keinen Gegner vor Ehrfurcht erstarren lässt.

Es ist ein schmaler Grat die Identität und die Ansprüche von Austria Wien zu verraten, wenn man sagt: „Wir wollen nicht Meister werden, Dritter ist eh super und vielleicht geht was im Cup“. Aber man kippt auch sehr rasch in ein in der heutigen Zeit schlicht nicht mehr haltbares: „Wir sind Austria Wien, und wenn der Aufsteiger zu Besuch ist, muss der mit mindestens drei Toren Unterschied wieder auf die Heimreise geschickt werden und überhaupt, wenn man den Meisterteller nicht als Ziel ausgibt, kann man den Verein gleich zusperren.“

Ich selber bin momentan eher in der Grantler-Ecke beheimatet, mir geht die Tabellenplatzierung auf den Geist, ich würde gerne ganz oben anklopfen und mir gehen vermeidbare Punkteverluste wie gegen Ried oder die Admira schwer auf die Nerven.

Aber es gibt eben so viele Gründe, die einleuchtend sind, warum wir eben kleinere Brötchen backen sollten und man trotz heruntergefahrener Ansprüche nicht darauf vergisst, wofür dieser Klub eigentlich stehen sollte. Wie gesagt, etwas mehr Konstanz in der Liga, ein mutigeres Auftreten gegen die Großen und schon kann ein ganz neuer Spirit entstehen. Wir müssten es aber auch aktiv zulassen. Ein Sieg ist ein Sieg ist ein Sieg. Keine Relativierungen. Sich einfach auch mal freuen können. Das würde uns wohl auch ganz gut zu Gesicht stehen.

Bescheiden bleiben, demütig bleiben. Hart arbeiten

Wie kommt die Mannschaft eigentlich dazu permanent Gefahr laufen zu müssen in ein gellendes Pfeifkonzert zu geraten, wenn man ein Spiel mal nicht in der ersten halben Stunde entscheidet? Ich finde unsere Spielweise auch sehr ausbaufähig was die Punkte Attraktivität und Effizienz betrifft. Aber sieht man nicht, dass die Einstellung und der Charakter der Mannschaft weitestgehend positiv zu bewerten ist? Auftritte wie gegen Trondheim z.B. passieren ja nicht, weil es irgendwer gut mit uns meint, sondern weil die Mannschaft sich diese Dinge erarbeitet. Genauso wird sie an der defensiven Stabilität arbeiten. Ob es am Ende aufgeht oder nicht, kann ich nicht sagen. Wir befinden uns in einer Phase, in der wir eben nicht mal eben so um den Titel mitspielen. Das kommt nicht von heute auf morgen. Wenn jemand einen schnelleren, einfacheren und sichereren Weg kennt, als kontinuierlich an den Zielen zu arbeiten, dann ersuche ich denjenigen unsere sportliche Leitung davon in Kenntnis zu setzen. Wie wichtig dem Verein Kontinuität ist, sieht man am Umstand, dass die Länderspielpause auch dazu genutzt wurde, die Verträge des gesamten Betreuerteams bis 2019 zu verlängern. Selbst in Kenntnis der vergangenen Leistungen vor allem in der Meisterschaft ein Schritt, den ich grundsätzlich positiv bewerte und begrüße. Natürlich wissen wir alle, dass (langfristige) Verträge keine Garantie für ein entsprechend langes Engagement darstellen. Aber diese Verlängerung ist ein Zeichen des Vertrauens. Der Verein vertraut dem Trainer, der Trainer dem Verein. Trainerdiskussionen, die in ganz schwacher Form, ganz leise vernommen werden konnten, sind damit bis auf weiteres im Keim erstickt. Garantie für Erfolg gibt es jedoch auch mit Thorsten Fink nicht. Wenn eine spielerische Besserung eintreten sollte, dann nicht in unmittelbarer Zukunft.

Wir werden in absehbarer Zeit keine Bäume ausreißen, aber wir müssen uns vor niemandem verstecken. Und deswegen appelliere ich an jeden zwar stets kritisch aber auch loyal der Mannschaft und dem Verein gegenüber aufzutreten und zu versuchen schwierige Phasen gemeinsam zu überstehen.

So eine Saison kann sehr lange dauern, viel kann geschehen und abgerechnet wird sowieso erst am Schluss.

Hinweis: Original des Beitragsbildes von www.skysportaustria.at

Mi.Re.

Über Mi.Re.

Floridsdorfer seit 1989, Zivildienst und Studium hinter sich gebracht. Erfreut sich an Sportveranstaltungen im TV und live vor Ort. Steht auf österreichische Musik. Familien- und Freundschaftsmensch, mittlerweile überzeugter Nordtribünler. Fußball ist weder Lebensinhalt noch Raketenwissenschaft, aber immerhin ein netter Zeitvertreib. Austrianer in dritter Generation. Verliebt in den daxbacher’schen Kurzpass- und Offensivkick. Erwartet von seinen Veilchen schön anzusehendes Fußballspiel und Spielfreude. Will eher keine Zehnkämpfer in Violett geigen sehen. Sympathien auch für das Nationalteam und den Floridsdorfer AC vorhanden.