Derbyfeeling – Derbystimmung

Empfohlener Soundtrack beim Lesen dieses Beitrags:

Achtung! Der folgende Text ist hochgradig subjektiv, plakativ, unausgewogen und naiv. Des Weiteren ist er weder gute Prosa oder Lyrik, sondern der Versuch einer Gefühlsbeschreibung. Er soll digitalisiert nachvollziehbar machen, wie die Gefühlswelt eines Fußballfans vor und während eines Derbys aussieht.

Viele meiner Freunde, Bekannten und Verwandten können meine Leidenschaft für einen Fußballverein gar nicht oder nur kaum verstehen. Ein Umstand der die „SkifahrerInnen Nation Österreich“ eklatant von sogenannten „Fußballnationen“ unterscheidet. Denn öffentliches Mitkommentieren (inklusive „Uhhh“ und „Aaaahhhh“) und Streamen von Skirennen (natürlich während der Arbeitszeit) sind weitestgehend akzeptiert. Passen die Ergebnisse nicht, wird in der Teeküche und am Pausenhof eifrig über die LäuferInnen und das Trainerteam diskutiert.

Natürlich musste ich mich kein einziges Mal rechtfertigen, als ich die Karte eines erkrankten Freundes für das „Nightrace“ genannte Slalomrennen in Schladming übernahm und mich auf eine mühselige Reise in die tief verschneite Steiermark machte. Fährt man hingegen als Fußballfan auf ein Auswärtsspiel, wird man mit verächtlichen Blicken, gerümpften Nasen und erstaunten Fragen wie „Warum tuast da des denn an?“, bedacht. Die meisten Leute können Fußballleidenschaft einfach nicht verstehen. Noch weniger Verständnis gibt es für die intensiven Gefühle, die ein Derby mit dem Erzrivalen auslöst.

Jetzt habe ich mich dazu aufgerafft ein paar Zeilen zu schreiben um das „Derbyfeeling“ wenigstens ansatzweise zu beschreiben. Ein wesentlicher Bestandteil des Derbyfeelings ist die wienerisch „Häkelei“ genannte Auseinandersetzung mit KollegInnen, FreundInnen und in besonderen Härtefällen Familienmitgliedern, die dem falschen Verein anhängen. Die „Häkelei“ ist aber nur Vorspiel beziehungsweise Nachbearbeitung eines Derbys. Das kann durchaus lustvoll sein, nach einem verlorenen Derby aber auch äußerst mühsam.

Das richtige Derbyfeeling kommt sowieso erst 24h Stunden vor dem Spiel auf. Im optimalen Fall ist man am Vorabend aufgeregt wie ein Kind am 23. Dezember und beschäftigt sich auch im Traum mit dem anstehenden ballesterischen Highlight. Am Tag X ist sowieso nicht an produktive Arbeit zu denken. Zu schnell driften die Gedanken ab und drehen sich um Tabellenstände, Aufstellungen, Choreografien und Fangesänge.

Bei der Anreise ins Stadion fühlt man sich wie vor einem ersten Date. Die schwitzigen Hände sind Beweis dafür. Findet das Derby im Stadion des Gegners statt, bietet sich die Möglichkeit an einem Corteo teilzunehmen. Für den Laien lässt sich die gemeinsame Anreise der violetten Fans am besten als Mischung aus jugendlicher Kraftmeierei, Fahrt in einer überfüllten U-Bahn, Dosenbierverkostung und Silvesterumzug beschreiben.

Im Stadion fühlt man sich dann endgültig wie ein Kindergartenkind vor der Bescherung. Hier beginnt das eigentliche Derbyfeeling, das schwer zu beschreiben ist und für den / die Außenstehenden / Außenstehende ein Mysterium bleiben wird. Beginnend mit den ersten Fangesängen, dem Einlauf der Mannschaften, der Präsentation der Choreos und dem Ankick baut sich unter Einfluss eines belebenden Hormoncocktails eine explosive Gefühlsmischung auf. Nun liegt es am Team und der verbliebenen Ratio die Emotionen in die richtige (positive) Richtung zu lenken.

Während der 90 Minuten des Spiels fügen sich so unterschiedliche Empfindungen wie Liebe, Hass, Zuneigung, Abscheu und zu guter Letzt Freude zu jenem unbeschreiblichen Derbyfeeling, das wohl nur ein echtes Veilchen nachfühlen kann.

Ergänzung vom Kollegen Mi.Re.:

Ein interessantes Detail am Rande: Die Vorfreude auf ein Derby ist immens. Geht es für die eigene Mannschaft noch um wichtige Punkte potenziert sich die Anspannung ins Unermessliche. Nichts ist schlimmer als ein Derby, wie wir es unter Cheftrainer Andi Ogris erleben mussten. Die Luft war draußen und genauso ist die Mannschaft aufgetreten. Das Tragerl, das wir umgehängt bekommen haben, war gleichermaßen bitter, wie eigentlich wurscht.

Umso schöner sind sie, die Duelle auf Augenhöhe mit Grün-Weiß. Das Problem an dieser Ausgangssituation: Ein starker Gegner ist schwerer zu besiegen. Machen wir uns nichts vor. Die Möglichkeit ein Derby zu verlieren ist wohl die schlimmste Vorstellung eines Veilchen. Noch dazu, aus aktuellem Anlass, im eigenen Wohnzimmer. Die logische Konsequenz daraus allerdings ist: Ein Sieg gegen starke (und im Vorfeld –Achtung Wortspiel – als Favoriten gehandelte) Penzinger Buben ist das Nonplusultra.

So groß die Vorfreude auf das Spiel also ist. Das Spiel selbst macht keinen Spaß. Also überhaupt nicht. Es ist eine Ambivalenz, die in mir herumgeistert. Man fiebert auf das Spiel hin, und wenn es läuft kann man es nicht genießen. Das Führungstor, potenzieller Wegweiser Richtung Siegerstraße, verschlimmert da sogar in gewisser Weise das Gefühl. Solange es 0:0 steht gibt es eben keinen Sieger (mäßig), aber immerhin auch keinen Besiegten (besser als ein Stein auf dem Kopf). Liegt deine Mannschaft in Führung, hast du etwas zu verlieren. Gleicht der Gegner in Folge aus, oder dreht das Spiel, wird das körperliche Unbehagen nahezu unerträglich.

Insofern liebe ich das Gefühl eines gewonnenen Derbys, der Weg dorthin ist mitunter ein äußerst kräfteraubender.

Aber in Wahrheit wollen wir es ja auch gar nicht anders.

Hinweis: Original des Beitragsbildes von austria80.at (Fritz Duras)