Der Mittelstürmer- Eine Rezension

Die spielfreie Zeit soll mit dieser Besprechung genutzt werden, um den Fokus weg vom Tagesgeschäft hin zu einem fußballgesellschaftlich relevantem, aber immer noch stiefmütterliche behandelten Thema lenken. Mit Thomas Hitzlsperger hat sich vor kurzem erstmals ein deutschsprachiger (Ex-) Teamspieler als schwul geoutet. Ein guter Zeitpunkt um das Thema in Form einer Buchbesprechung aufzugreifen. Einer kurzen Inhaltsangabe folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung.

„Der Mittelstürmer“, erschienen 2010, handelt von dem erfolgreichen Fußballer Marc Kliff der soeben mit seinem Team den DFB Pokal gewonnen hat. In der Pause zwischen den Saisonen reist Kliff nach Thailand, jenem Land in dem er aufgewachsen ist, weil die Mutter dort beruflich tätig war. Während seines „Heimaturlaubes“ wohnt Kliff bei seinen besten Freunden Rachen, ein schwuler Hotelmanager, und Mary, vormals Mari, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen will, aber dazu noch etwas Geld benötigt.

Komplettiert wird das soziale Umfeld Kliffs durch seine beste Freundin Wilma, einer schwarzen Ärztin, und seinem Vater/Manager, der in seinem Sohn die Erfüllung sämtlicher finanzieller Bedürfnisse sieht.

Abseits des sportlichen Alltags erkennt Marc bei sich eine innere Leere die auf der Verleugnung seiner wahren sexuellen Veranlagung beruht. Nach dem Eingeständnis seiner Homosexualität kehrt er für den Saisonauftakt nach Deutschland zurück, wo sein Doppelleben beginnt. Was zunächst problemlos funktioniert wird, nicht zuletzt durch zahlreiche Affären, immer komplizierter bis schließlich eine Boulevardzeitung erstmals den Verdacht äußert, der Starstürmer könnte homosexuell sein.

Der Druck von außen, den Fans, den Medien, nimmt ebenso zu wie der mannschaftsinterne: Marc wird geschnitten und selbst sein bester Freund Rene wendet sich von ihm ab, eine spätere Entschuldigung der Mannschaft bleibt folgenlos.

Das zweite große Kapitel endet damit, dass Marc von 4 Männern auf Grund seiner Veranlagung brutal zusammengeschlagen wird.

Und in der Fortsetzung passiert dem Autor der größte Fehler: Eine inhaltliche Zäsur, die bei positiver Betrachtung als überraschend, in weniger wohlwollender Sichtweise im besten Fall als skurril bezeichnet werden kann.

Marc floh scheinbar aus Deutschland, lebt bei einer drogenabhängigen Prostituierten in Bangkok und ihrer kleinen Tochter.

Als die Mutter des Säuglings stirbt, übernimmt Marc die Vormundschaft und zieht die Kleine auf. Gleichzeitig eröffnet er mit Rachen ein eigenes Hotel auf Samui.

Ende.

Bis zum dritten Kapitel zeichnet das Buch, bei allen Schwächen, das Bild eines jungen Mannes der in einer Welt der Männlichkeit einer Mischung aus Vorurteilen, Ignoranz und Gruppenzwang gegenüber steht. In der Kabine wechseln sich homophobe Sprüche mit derben Witzeleien ab. Auch wenn das Buch in Summe grandios scheitert, wenn es darum geht fußballtechnisch authentisch zu wirken, so muss man dem Autor zugestehen, dass dies der Teil ist, dem man am ehesten nachvollziehen kann. Thomas Hitzlsperger äußert sich in der Zeit dazu wie folgt:

„Er habe sich immer wieder über die Widersprüche geärgert, die in der Fußballwelt im Umgang mit Homosexualität aufgebaut würden. Der Profisport sei ein absolut harter Leistungssport: „Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind untrennbar miteinander verknüpft“. Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: „Schwule sind Weicheier.“

Hitzlsperger sagt: „Ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich nun mal so bin“. Trotzdem seien die Sprüche der Kollegen nicht immer einfach zu ertragen gewesen. „Überlegen Sie doch mal: Da sitzen zwanzig junge Männer an den Tischen und trinken. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird.“ [1]

Worin bestehen nun die Schwächen und Stärken des Buches im fußballspezifischen Kontext?

Da es keine Erfahrungswerte über Verhaltensweisen von Medien und Fans im Falle eines bekennend schwulen Spielers gibt, kann darüber nur spekuliert werden. Der Druck der auf den Spieler ausgeübt wird, erscheint, wenn auch im Detail mangelhaft konstruiert, zumindest plausibel.

Über die Handlung kann man unterschiedlicher Meinung sein und auch der Stil ist im Sinne der Kunst selbstverständlich frei wählbar. Aber es sind Details, die (ver-)stören:

Es sind „Zeitungsausschnitte“ wie folgender- „Fast entschuldigend guckte er zum Torwart, der seinen Blick zuerst hasserfüllt entgegnete, ihm jedoch dann, fast lächelnd, seine Bewunderung zunickte“- die Zweifel daran aufkommen lassen, dass der Autor wirkliches Interesse am Fußballsport hegt.

Noch schlimmer wiegt der Umstand, dass es gravierende inhaltliche Mängel gibt. So ist etwa an einer Stelle davon die Rede, dass Kliff in der 50. Minute schwer gefoult wird und die Mannschaft im selben Spiel als Verletzter während der Halbzeitpause aufrichtet.

Derartige Fehler, inhaltlicher und sprachlicher Natur, summieren sich in Summe leider zu einem misslungenem Werk. Natürlich könnte man im Sinne einer höheren Deutung über derartige Mängel hinwegblicken. Aber bei jeder Lektüre stellt sich nunmal die Frage, ob das Werk den Leser fesseln kann. Wenn ein passionierter Fußballfan aber das Buch zur Hand nimmt und das Gefühl haben muss, der Rahmen “Profifußball” dient nur der Absatzsteigerung wird er der Handlung wohl folgen aber nicht in ihr versinken können.

So bleibt es im Großen und Ganzen leider eine Aneinanderreihung von Klischees gemischt mit aberwitzigen Handlungssprüngen ohne Mehrwert für die Geschichte garniert mit Unfeinheiten.

Homosexualität im Fußball, hierbei allen voran im Männerfüßball, ist nach wie vor tabuisiert. Daher ist jeder Versuch einen normalisierten Umgang zu forcieren prinzipiell zu begrüßen. In diesem Fall aber ist von einem lieblosen Konzeptbuch auszugehen, das diese Absicht nur marginal anstreift.

Wesentlich effizienter und bahnbrechender sind Schritte wie sie Thomas Hitzlsperger gesetzt hat.

Weiterführende Links:

Statement von Hitzlsperger:http://www.youtube.com/watch?v=06WLcFWP3Kg

Interview mit Manuel Ortlechner :http://fm4.orf.at/stories/1731445/


[1] http://www.zeit.de/sport/2014-01/thomas-hitzlsperger-homosexualitaet-fussball

PAT

Über PAT

Über mich Jahrgang 89; Student; AB-SOL-UT sportbegeistert, dabei vor allem Fußball, Radsport, Tischtennis sowie der alpine Schilauf (jeweils aktiv und passiv) sowie Eishockey (als 2. Leidenschaft des Fanlebens), Curling und Snooker und Tennis und Handball und und und als Zuseher. Zudem süchtig nach musikalischer Dauerbeschallung von Ambros bis Queen. Warum die Austria Um ehrlich zu sein, wurde ich mangels brauchbarer Alternativen auf Grund erblicher Vorbelastung zum Veilchen in nunmehr 3. Generation. Und weil die Farbe so schön ist.

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