„Baumgartner? Gar keine schlechte Idee“ – Von Prognosen und Expertisen, die sich nicht vollends bewahrheitet haben

Bevor Sie, geschätzte Leserinnen und Leser dieses Blogs, sich jetzt von uns eine Prognose für das Derby, mit dem wir am Wochenende in die Frühjahrssaison starten, erwarten, dürfen wir Ihnen noch folgenden Beitrag, quasi als Disclaimer, ans Herz legen.

Weit über 30 Beiträge wurden auf diesem Blog in den vergangenen 3½ Jahren veröffentlicht. Das Redaktionsteam betrachtend nimmt es da wenig wunder, dass nicht jede Prognose ins Schwarze getroffen hat. Wir blicken mit reichlich Augenzwinkern auf die bisherige Geschichte dieses Blogs zurück.

Vorne weg: Dieser Blog lebt von der Vielfalt und der Heterogenität der Schreiberinnen und Schreiber. Überzeugter Osttribünler, gemäßigte Längsseitensitzerin und Gelegenheitsbesucher geben sich bei diversen Redaktionstreffen die Klinke in die Hand. Gemeinsam haben sie alle im Wesentlichen zwei Dinge: Sie sind Veilchen und sie haben wohlwollend formuliert lediglich eine laienhafte Vorstellung des Fußballsports. Folglich werden die Beiträge aus Fanperspektive formuliert. Da liegt es in der Natur der Sache, dass so manch eine These verworfen werden musste. „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“ vermochte einst Andreas Khol zu Protokoll zu geben. Nun denn!

Es war der 7. November 2013, die Meisterschaft verlief nicht nach Wunsch. Man musste sich mit dem 5. Tabellenrang begnügen. Die Mannschaft von Nenad Bjelica stand unter Druck, da die Erwartungen, die durch den errungenen Meistertitel geschürt worden waren, nicht erfüllt werden konnten. Immerhin konnte in der Champions League dem russischen Vertreter Zenit St. Petersburg im Auswärtsspiel ein Punkt abgerungen werden. Was war in der Gruppenphase für uns noch möglich? Einer unserer Autoren, Patrick, war sich sicher:

„Selbst ein Sieg erscheint angesichts des bisher Gesehenen utopisch. Ist aber nicht weiter schlimm. Wir sind nicht der erste Verein, dem es so ergeht, und wir sind garantiert nicht der Letzte dem es so ergangen sein wird.“

Wahr ist vielmehr, dass die Austria im Auswärtsspiel gegen den FC Porto mit einem 1:1 nachgelegt und mit einem fulminanten 4:1-Heimsieg über St. Petersburg für den höchsten Sieg eines österreichischen Vereins in der Königsklasse gesorgt hat. Man kann sich irren. Und in diesem Fall tut man es gerne. Gereicht hat es zu einem möglichen Überwintern im Europacup nur deshalb nicht, weil sich Atleticos Thibaut Courtois im vorletzten Spiel gegen Zenit ein echtes „Steirertor“ eingefangen hatte.

Um einiges schwerer im Magen dürften Günther und Tibor ihre Expertisen bezüglich der Saison 2014/2015 gelegen sein. Günther befasste sich am 3. April 2014, nach dem 3:0 Erfolg gegen die Meisterkicker aus Salzburg in einem Beitrag mit Alexander Gorgon. Es war die Partie, die vielen Anhängern durch das bis heute heiß diskutierte „Spalier-Gate“ in Erinnerung geblieben ist. Gorgon erzielte das 3:0 und Günther ließ uns wissen:

„Nachdem er zuvor schon das erste Tor dieses Spiels vorbereitet hat, macht er nun endgültig klar, dass die Wiener Austria – der amtierende Meister – dem designierten Meister aus Salzburg heute ein klares Signal sendet. Hat man zuvor noch sportlich fair zum Einmarsch im Spalier gestanden, wird daraufhin eine klare Kampfansage für die kommende Saison am grünen Rasen formuliert.“

Mag sein, dass die Euphorie hier eine Spur zu überbordend gewesen ist. Trotz dieses nicht eingeplanten Sieges reichte es in dieser Saison nicht zum angepeilten Minimalziel Europacupqualifikation, von einer Kampfansage für die nächste Saison konnte fortan leider nicht die Rede sein.

Denn einige Wochen später präsentierte die Austria mit Gerald Baumgartner einen neuen Cheftrainer, der die Veilchen wieder auf Vordermann bringen sollte. Der Schöngeist der Redaktion, Tibor, widmete sich dem neu bestellten Übungsleiter. Zwar relativierte er schon in den ersten Absätzen seinen Expertenstatus, ließ sich aber doch zu folgenden Zeilen hinreißen:

„Was bleibt ist die Erkenntnis: jeder Trainer, welcher leistbar ist, ist ein Experiment. Nun hat sich die Austria für das Experiment Baumgartner entschieden. Ein Trainer ohne große Spielerkarriere, offenbar brennend vor Ehrgeiz und gewohnt mit dem vorhandenen Spielermaterial zu arbeiten. Eine unspektakuläre Lösung, bei der der überwiegende Teil der Anhängerschaft sich zurücklehnt und abwartet was so kommt. Eventuell ist diese Zurückhaltung und das Hoffen auf den Erfolg durch nüchterne Arbeit, genau das, was unser Verein nach der Achterbahnfahrt der letzten Jahre braucht.“

Gut, es gibt Dinge, die wirklich schwer vorherzusehen sind. Von daher ist das hier kein Vorwurf. Aber das Prinzip Ehrgeiz mag ein wenig unzureichend sein, um erfolgreich zu sein. Baumgartner hat hart gearbeitet, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Allein der Output war deutlich zu gering. Der Autorenfuchs Tibor bedient sich allerdings eines eher fragwürdigen Kniffs, der ihn auch bestens zum Politiker befähigen würde. Konkrete Aussagen kommen ihm nicht über die Lippen. Er ist der Meister des Konjunktivs, allein die erste Zeile des Artikels („[w]arum die Bestellung eines biederen 2-Liga Trainer wie Baumgartner uns allen gut tun könnte…“) zeigt, dass hier eine taktische Meisterleistung gelungen ist. Schwer festzumachen, dass er sich geirrt hat. Im klassischen Relativeren könnte der gute Mann nun behaupten, sich niemals aus dem Fenster gelehnt zu haben, aber der Subtext des Beitrags lautet ganz klar: Baumgartner ist die logische Lösung und besser als überschätzte und gehypte Konzepttrainer aus dem nördlichen Nachbarland.

Gut, hätten wir dem Initiator dieses Blogs auch eine mitgegeben. Muss sein.

Die bisher beschriebenen Expertisen sind aber eine Lerchenflatulenz verglichen mit der Trefferquote, die Sebastian und Michi zu bieten haben. Jetzt einmal ehrlich. So viel geballter Fußballkonsum muss doch auf Kurz oder Lang dazu führen, dass wenigstens eine Prognose stimmt. Die zwei repräsentieren die zwei unterschiedlichen Pole. Der eine immer negativ gestimmt, der andere stets davon ausgehend, dass heuer aber wirklich unsere große Stunde schlägt.

Da hätten wir zum einen mich. Ich bin der unerschütterliche Optimist in der Redaktion. Am 18. Februar 2016, ein paar Tage nach einer Derbyniederlage vor heimischem Publikum, beschäftigte ich mich mit der Frage, was der weitere Saisonverlauf für uns wohl noch bereithalten könnte. Einem sehr realistischen Bild, wonach wir den dritten Rang erreichen würden, setzte ich eines entgegen wonach auch die Meisterschaft ein zu erreichendes Ziel sei.

„Wenn die Ergebnisorientierung als Grund aufgezählt wird, warum kein Titel zu erwarten ist, dann sei es aber auch an dieser Stelle erwähnt. Die knappen Siege mit einem Tor Unterschied hat uns niemand geschenkt. Die Mannschaft hat dafür gearbeitet und wurde belohnt. Es stimmt schon. Spielerisch werden wir keine Bäume mehr ausreißen. Aber der Fußball bietet auch mehr. Spiele können auch auf andere Weise gewonnen werden. Ich traue meiner Mannschaft in jeder Partie grundsätzlich alles zu. Allen voran die bisherigen Partien gegen Salzburg machen mir Mut. […] Die aktuelle Tabellensituation verbietet es die Flinte ins Korn zu schmeißen.
Don’t stop believing!“

Als dieser Beitrag in die Tasten geklopft wurde, hielt sich der Rückstand auf die Tabellenspitze mit lediglich zwei Punkten allerdings im Rahmen. Von den Meisterträumen musste man sich fortan allerdings sehr rasch verabschieden. Die Rückrunde verlief derart desaströs, dass der Vorsprung auf die Grazer von ehemals zehn Punkten auf zwei schmolz. Nachdem uns Wochen später zuerst Rapid erneut in die Schranken wies und wenige Tage darauf im Cup-Semifinale Endstation war, änderte ich meine Meinung und prognostizierte bei noch fünf verbliebenen Partien, dass wir den Europacupstartplatz verpassen würden:

„Wir waren Herbstmeister, also nach 18 Runden alleiniger Tabellenführer. Was seither geschah spottet jeder Beschreibung. In 13 Spielen gelangen uns lediglich 3 Siege und 3 Unentschieden. 7 Mal wurde verloren (!). Diese Tendenz ist mehr als besorgniserregend und es steht zu befürchten, dass ein Vorsprung von ehemals 10 Punkten auf den 4. der Tabelle verspielt wird. Dass es nochmals dermaßen eng werden würde (und es Stand heute gute Gründe für die Annahme gibt, dass die Mannschaft das angepeilte Ziel verfehlen wird), hätte ich mir nicht vorstellen können. Nicht weil wir so überragend waren, aber weil die Konkurrenz um diesen für die Teilnahme am Europacup berechtigenden Endrang weit entfernt davon war, eine ernsthafte Gefahr für uns darzustellen.“

Ein weiteres Mal innerhalb einer Saison straften mich die Veilchen Lügen. Die nächste Partie, die nach Veröffentlichung des Textes auf dem Programm stand war ein Gastspiel in Mattersburg. Dank des grandiosen 9:0-Erfolges fanden unsere Jungs wieder in die Spur. In weiterer Folge wurde dank eines 5:0 Auswärtssieges in Ried schon vorzeitig das Europacupticket gelöst. Siege über die unmittelbaren Konkurrenten Admira und Sturm führten letzten Endes gar dazu, dass der Vorsprung auf den vierten Rang satte neun Punkte betrug. Hab ich also umsonst schwarz gemalt.

Jemand der, auch wenn er wollte, gar nicht anders kann, als schwarzzumalen ist der Sebastian. Der bürgerliche Weltschmerz macht ihn zu einem Getriebenen. Redaktionsintern haben seine Beiträge stets den Arbeitstitel „Regionalliga Ost – Unser Schicksal und unsere Bestimmung“. Man könnte meinen er hält es mit Georg Danzer: „Wenn was schiefgehen kann, dann geht’s auch schief“ scheint sein Credo zu sein. Nur wenige Tage bevor ich meinen apokalyptischen Beitrag zum Verpassen des Saisonziels verfasste, malte der gute Sebastian ebenfalls ein eher tristes Bild von der Zukunft und kommentierte: Warum die Fans der Violetten sich auf magere Jahre einstellen sollten.

Sebastian stellt die Möglichkeit des Verpassens des dritten Tabellenrangs in den Raum und stellt ausgehend vom denkbaren Verpassen des EC-Startplatzes so seine Überlegungen an. Die Austria würde sich als bestenfalls dritte Kraft in Österreich etablieren können, weil sich sowohl Salzburg als auch Rapid mit ihren Möglichkeiten auf längere Zeit von uns absetzen würden. Nett geschrieben und da und dort sicher auch nicht unplausibel. Wie schnell und kurzlebig der Fußball aber ist, beweist der folgende Absatz, der kaum ein halbes Jahr später als absolutes Schmankerl gelten kann. Genau lesen, bitte. Diese Befürchtung war im Veilchenlager an mehreren Stellen zu vernehmen:

„Rapid hat unter Präsident Krammer mit dem Stadionneubau ein beträchtliches, aber wohl notwendiges, finanzielles Risiko in Kauf genommen um den Klub zukunftssicher zu machen. Auch aufgrund der Schwäche der nationalen Konkurrenz ist die regelmäßige Qualifikation für die Europaleague Gruppenphase nicht in Gefahr. Die Kombination aus neuer Heimstätte, ansprechendem Spiel, leicht zu begeisternden Fans (die auch in Scharen in die Stadien kommen) und einer äußerst freundlichen Berichterstattung in den heimischen Medien kann den SCR in den nächsten fünf bis zehn Jahren zur unbestrittenen Nummer zwei im österreichischen Fußball machen.“

Man weiß ja gar nicht wo man anfangen soll, diese geballten Irrtümer aufzuzählen. Also erstens ist vieles gewiss, aber dass Rapid am Ende der Saison auf einem Tabellenrang steht, der zur Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigt, ist es nicht. Das ansprechende Spiel ist ihnen für den Moment auch abhandengekommen und ob die Medienberichterstattung in den vergangen Wochen wirklich nur freundlich war, könnte man auch zur Diskussion stellen.

Trotz dieser doch beeindruckenden und auch nicht vollständigen Serie an Zurschaustellung von unzureichendem Fachwissen und falschen Prognosen können wir Ihnen, geneigte Leserinnen und Leser, versichern, dass wir das Projekt, das uns einerseits am Herzen liegt und uns andererseits so unglaublich viel Spaß macht, auch ungeachtet von so mancher Fehleinschätzung auch in Zukunft weiterführen werden. Wir machen uns eben so unsere Gedanken. Manchmal liegen wir richtig, gelegentlich auch nicht.

Es steht der Rückrundenstart kurz bevor und es warten schwierige und richtungsweisende Spiele auf unsere Mannschaft. Hoffentlich steht sie mit dem gleichen Engagement auf dem Platz, wie wir vor unseren Tastaturen sitzen, wenn es darum geht Melange Violett mit Beiträgen zu füttern.

Denn das Motto dieses Blogs lautet: Von Fans. Für Fans.

Bleiben Sie uns gewogen. Forza Viola!

P.S.: Die zitierten und paraphrasierten Blogbeiträge in voller Länge zum Nachlesen:

Mi.Re.

Über Mi.Re.

Floridsdorfer seit 1989, Zivildienst und Studium hinter sich gebracht. Erfreut sich an Sportveranstaltungen im TV und live vor Ort. Steht auf österreichische Musik. Familien- und Freundschaftsmensch, mittlerweile überzeugter Nordtribünler. Fußball ist weder Lebensinhalt noch Raketenwissenschaft, aber immerhin ein netter Zeitvertreib. Austrianer in dritter Generation. Verliebt in den daxbacher’schen Kurzpass- und Offensivkick. Erwartet von seinen Veilchen schön anzusehendes Fußballspiel und Spielfreude. Will eher keine Zehnkämpfer in Violett geigen sehen. Sympathien auch für das Nationalteam und den Floridsdorfer AC vorhanden.